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Für eine Friedensrepublik Österreich |
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Anmerkung: Beim vorliegenden Text handelt es sich um das Programm der Werkstatt Frieden & Solidarität, wie es von 2003 bis 2007 gültig war. Das aktuelle Programm findet sich [hier] Präambel Die heutige Republik Österreich ist das Ergebnis dreier katastrophaler historischer Niederlagen. Niederlagen, in die uns die Herrschaftsansprüche der eigenen Eliten geführt haben. 1867 scheiterte der Anspruch Österreichs als Vormacht im Deutschen Reich, 1914-1918 führte der Anspruch, imperiale Kolonialmacht in Ost- und Südosteuropa zu sein ins Verderben, 1938-1945 wurden die Weltherrschaftspläne Deutschlands, dessen Teil und erstes Opfer Österreich in jener Zeit war, zum Ausgangspunkt einer einzigartigen gesellschaftlichen Katastrophe. Die Tatsache, dass in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Mehrheit der Menschen in Österreich begann, sich der Zugehörigkeit zum Kleinstaat Österreich nicht zu schämen, sondern sich selbstbewusst darauf zu berufen, gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen in der Geschichte. Dieses Selbstbewusstsein steht in deutlichem Widerpruch zu vergangenen und neuen Herrschaftsansprüchen der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Als Friedensorganisation müssen wir versuchen, die Grundlagen dieses Selbstbewusstseins zu verstehen und für eine Politik des Friedens und der gesellschaftlichen Befreiung zu nutzen. Wir sehen drei Quellen für dieses Selbstbewusstsein:
Verschiedentlich wird berechtigterweise eingewendet, dass Neutralität, Staatsvertrag, der Kleinstaat Österreich nicht das Ergebnis der Anstrengungen der Menschen in Österreich waren und sind, sie seien uns quasi geschenkt worden. Fatal wäre es, sie deshalb als wertlos auf den Müllhaufen der Geschichte zu verfrachten. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten Österreichs betreiben seit mehr als einem Jahrzehnt eine Politik der systematischen Zerstörung der fortschrittlichen Grundlagen der Republik Österreich. Neutralität, Staatsvertrag, Gemeinwirtschaft, das soziale Sicherungssystem, dies alles sei veraltet und müsste mit wachsender Geschwindigkeit entsorgt werden. Österreich wird gleichermaßen den wirtschaftlichen Interessen großer Konzerne ausgeliefert, wie es in wachsendem Tempo in militärische Abenteuer geführt wird. Als Instrumente dafür dienen die NATO-Anbindung und die EU-Integration. Was diese Kräfte verschweigen ist, dass es nicht ihre Sorge um die Menschen in Österreich ist, die sie dazu bewegt, sondern die Sorge um ihre eigenen Macht- und Gewinninteressen. Was diese Kräfte vergessen ist, dass sie damit unaufhaltsam Österreich selbst zum Spielball noch viel mächtigerer Interessen machen. Wenn uns auch Neutralität, Staatsvertrag, der Kleinstaat Österreich von der Geschichte geschenkt worden seien, so sehen wir gerade deshalb vor uns die Verantwortung, gemeinsam mit der Mehrheit der Menschen in Österreich für eine Politik einzutreten, die an die fortschrittlichen Erfahrungen der 2. Republik anknüpft und sie für das 21. Jahrhundert lebendig werden lässt. Diese Entwicklungen sind eingebettet in das globale Erstarken von Militarismus, Aufrüstung und Krieg, sie finden vor dem Hintergrund einer enormen Zuspitzung der Verteilungsungerechtigkeit, dem Entzug von Existenzrechten für Millionen bei gleichzeitiger parasitärer Anhäufung von Reichtum statt. Viele sehnen sich nach einer neuen großen Macht, die dieser Entwicklung Einhalt gebietet. Manche erhoffen sich Erleichterung in der Unterordnung unter eine imperiale Macht, indem sie sich gegen eine andere nützlich machen. Manche hoffen auf den großen Schlüssel, der diese Zerstörung gesellschaftlicher Errungenschaften Einhalt gebietet. Gerade das 20. Jahrhundert lehrt uns, dass das Setzen auf derartige Hoffnungen katastrophal enden kann, und angesichts der Komplexität gesellschaftlicher Strukturen und der Zerstörungskapazität von Rüstung und Militär im 21. Jahrhundert enden muss. Wir setzen dem unsere Überzeugung entgegen, dass nur die Verteidigung des Rechts, in Würde existieren zu können, ohne mit militärischer Gewalt zu drohen oder sie einzusetzen eine Zukunftsperspektive bietet. Deshalb erachten wir das Anknüpfen an die fortschrittlichen Traditionen der 2. Republik als eine allgemeine Perspektive für das 21. Jahrhundert. In diesem Sinne laden wir alle Menschen unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, ihres Religionsbekenntnisses, ihrer ethnischen Herkunft, ein, für die Durchsetzung des vorliegenden Aktionsprogrammes zu wirken. Dafür brauchen wir eine starke Organisation. Versuchen wir, ausgehend von einer Friedenswerkstatt in Österreich, Österreich zur Friedenswerkstatt zu machen.
1. Neutralität als Kern der Friedensrepublik Der Kerngehalt der Neutralität ist das Friedensgebot, sich an keinen Kriegen zu beteiligen und sich in keiner Art und Weise an aggressiven Militärblöcken, deren Militärstreitmächten bzw. Kolonialmissionen zu beteiligen. Nur wer sich der Kumpanei mit den Machtblöcken der reichen Staaten verweigert, kann sich mit den Schwachen solidarisieren und glaubwürdig für eine Politik der Ächtung des Krieges in den internationalen Beziehungen eintreten. In diesem Sinne fordern wir:
2. Abrüstung im Inneren Wer sich verpflichtet, niemanden anzugreifen, kann auf den Aufbau offensiver Militärkapazitäten ebenso verzichten wie auf repressive Überwachungs- und Spitzelapparate, die sich gegen die eigene Bevölkerung wenden:
3. Aktive Friedenspolitik nach Außen Spätestens seit der Vorbereitung auf den EU-Beitritt ist die österreichische Außenpolitik immer stärker in Richtung Euro-Chauvinismus abgeglitten. Die Friedensrepublik Österreich knüpft an den Erfahrungen der Außenpolitik der 1970er an und entwickelt diese in folgende Richtung weiter:
4. Strukturelle Friedensfähigkeit - solidarische Gesellschaft Eine Friedensrepublik muss auch im Inneren strukturell friedensfähig sein, d. h. die gesellschaftlichen Wurzeln von Krieg und Gewalt überwinden. Strukturelle Friedensfähigkeit erfordert eine solidarische Gesellschaft, in der die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander, zu ihren Nachkommen und zu ihrer Umwelt auf Kooperation, sozialer Gleichheit und ökologischer Nachhaltigkeit aufbauen. Privatisierung der verstaatlichten Industrie und der Gemeinwirtschaft bedeutet die Unterordnung aller gesellschaftlichen Bereiche unter das Kommando der Gewinnmaximierung. Privatisierung und Militarisierung sind zwei Seiten einer Medaille. Für den privaten Anteilseigner ist der heimische Standort nur das Sprungbrett zur Aneignung des fremden Standorts und dessen Ausbeutung. Sie führt zur Einbindung österreichischer Industrie in die im Aufbau befindliche europäische Rüstungsindustrie. Auch Neutralität und Gemeinwirtschaft sind zwei Seiten einer Medaille. Eine Gesellschaft, die ihre Wirtschaft auf die Wohlfahrt aller ausrichtet, wird auch niemanden bedrohen. Die Friedensrepublik braucht daher einen starken verstaatlichten und gemeinwirtschaftlichen Sektor. Damit kann trotz kleinem Binnenmarkt die wirtschaftliche und politische Souveränität gesichert werden, die Voraussetzung für eine aktiv neutrale Außenpolitik ist. Daher:
Die Friedensrepublik bekämpft jede Form des Rassismus und Chauvinismus und verteidigt den antifaschistischen Verfassungsauftrag des Staatsvertrages. Anfang der 90er Jahre wurde der Staatsvertrag ausgehöhlt: die Regierung erklärte jene Artikel einseitig für „obsolet“, die die Beschäftigung von Nazis beim Bundesheer, den Ankauf neuer Waffensysteme, den Ausverkauf der Verstaatlichten und die militärische Kooperation mit Deutschland untersagen. Unzweifelhaft eine Vorleistung für den bevorstehenden EU-Beitritt und dessen Folgen.
Soziale Ausgrenzung, die Spaltung in Arm und Reich, die Entfesselung der Konkurrenz zwischen den Menschen sind die Kehrseite von Krieg und Gewalt. Die Friedensrepublik dagegen beruht auf einem solidarischen und egalitären Gemeinwesen. Daher:
Die Friedensrepublik braucht umfassende Demokratisierung, d. h. Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen und Teilhabe aller Menschen am sozialen und politischen Leben:
Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden nicht zuletzt für den Zugang der westlichen Industriestaaten und ihrer Konzerne zu Erdöl und Erdgas geführt, um eine unnachhaltige und kurzsichtige Energie- und Verkehrspolitik aufrechtzuerhalten. Strukturelle Friedensfähigkeit dagegen erfordert die Ökologisierung von Wirtschaft und Lebensweise:
5. Nein zum Europa der Konzerne und Generäle - Friedensrepublik statt EU-Militärprovinz Eine Friedensrepublik kollidiert an allen Ecken und Enden mit der real existierenden EU:
Mit der nun vorgeschlagenen EU-Verfassung wird das Europa der Konzerne und Generäle massiv gestärkt. Diese EU-Verfassung bringt u. a. die Verpflichtung (!) zur Aufrüstung für alle EU-Mitglieder, globale militärische Interventionsermächtigung, Beistandsverpflichtung beim Kampf gegen den „Terrorismus“, Ausbau und Stärkung der EU-Rüstungsindustrie, etc. Mit der EU-Verfassung soll der Privatisierung und Liberalisierung der öffentlichen Dienste Tür und Tor geöffnet werden. Weltweit einzigartig ist wohl auch, dass per Verfassung die Verpflichtung zu einer Wirtschaftspolitik festgeschrieben wird, die „dem Grundsatz einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb verpflichtet ist“ (Art. III-66 Abs.1). Hauptzweck der Europäischen Union, wie sie durch die Verträge von Maastricht, Amsterdam, Nizza konstituiert und nun durch die EU-Verfassung verschärft wird, ist die Schaffung einer militärischen Supermacht, die im Interesse der großen EU-Konzerne den Kampf um die Eroberung von Rohstoffquellen, Absatz- und Kapitalmärkten führt. Mit der Einführung dieser Verfassung soll diese Entwicklung unumkehrbar werden. Für Österreich wäre diese Verfassung der gravierendste Einschnitt der 2. Republik, der jede Hoffnung auf eine souveräne, Frieden, Neutralität und internationale Solidarität mit den Schwachen verpflichtete Politik begraben soll (vgl. Austrittsregelung in Art. I-59). Wir lehnen diesen Verfassungsentwurf mit aller Entschiedenheit ab. Dieser Entwurf gibt keine Antworten auf die drängenden friedenspolitischen, sozialen, ökonomischen, demokratischen und ökologischen Fragen. Ein auf sozialer Ungleichheit, ungehemmter Konkurrenz und militärischer Gewalt gründendes Europa gefährdet letztlich das friedliche Zusammenleben der Völker in Europa. Dieser Weg ist nicht zukunftstauglich. Wir wenden uns entschieden insgesamt gegen diesen eingeschlagenen Weg und fordern den Austritt aus der EU. Nicht weil wir gegen völkerverbindende Integration sind, sondern weil wir wissen, dass die Wiedererringung eines neutralen, solidarischen und weltoffenen Österreich unabdingbare Voraussetzung dafür ist. (beschlossen auf der 10. ordentlichen Vollversammlung der Friedenswerkstatt Linz am 18. September 2003, aktualisiert auf der 11. ordentlichen Vollversammlung der Friedenswerkstatt Linz am 8. Oktober 2004) |