„Vergessene Kriege“
Bürgerkriege in Afrika am Beispiel Kongo/Zaire

Am 30. Jänner 2003 hielt Univ.-Prof. Dr. Hans Hautmann in der Friedenswerkstatt Linz einen Vortrag über historische und aktuelle Hintergründe der kriegerischen Ereignisse im Kongo. Diese wurzeln eindeutig in ökonomischen Interessen.


Univ.-Prof. Dr. Hans Hautmann

Die schwarzafrikanischen Völker, die im Kongobecken leben, haben in den letzten 130 Jahren einen schweren Leidensweg zurückgelegt und praktisch permanent Wellen der Gewalt über sich ergehen lassen müssen. Es begann schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als das Kongogebiet, das bis dahin unbekannt und unerschlossen war, durch die Entdeckungsreisen Stanleys ins Zentrum der Aufmerksamkeit und Begehrlichkeit der europäischen Mächte gelangte.

Die Entdeckungsreisen Stanleys

Henry Morton Stanley, ein englischer Zeitungsberichterstatter, Schriftsteller, Abenteurer und Agent des europäischen Kolonialismus in einer Person, begann 1876 von Uganda aus mit 18 großen Flussbooten seine berühmt gewordene Fahrt den Kongo abwärts. Dabei führte er einen unaufhörlichen Kampf gegen die Natur, die Kongostromschnellen und Katarakte, aber ebenso gegen die dort ansässigen Afrikaner, mit denen er in rücksichtsloser Weise mehr als 30 regelrechte Schlachten ausfocht. Er hat sich seinen Weg förmlich freigeschossen. Nach einem Dreiviertel Jahr erreichte Stanley endlich im August 1877 die Mündung des Riesenstroms Kongo. Damit hatte einer der mit brutalsten Mitteln durchgeführten Entdeckungszüge in Afrika seinen Abschluss gefunden. Die letzte bisher noch unerforschte Wasserader Afrikas, der Kongo, war in ihrem Verlauf erkundet, ein neuer Verkehrsweg in das Innere Zentralafrikas aufgefunden, aber auch ein an wirtschaftlichen Möglichkeiten reiches Gebiet für das Vordringen des Kolonialismus aufgeschlossen.

Stanleys Entdeckungen im Kongogebiet waren der Auftakt für die Aufteilung Zentralafrikas und für die belgische Kolonialexpansion, denn auch das belgische Kapital wollte hier beteiligt sein. Im Jahr 1879 folgte Stanley einem Auftrag der von König Leopold II. von Belgien gegründeten Studienkommission, das Kongoland „dem Handel zu eröffnen“, und bereiste zum zweiten Mal von der Mündung her das Land. Bis 1884 blieb er am Kongo, gründete zahlreiche Niederlassungen und erwarb große Landstrecken. Er schuf so die Voraussetzung für den Kongostaat Leopolds II.

Die Berliner Kongokonferenz des Jahres 1885 brachte für Leopold II. die Anerkennung der europäischen Großmächte als Oberhaupt und persönlicher Eigentümer des Kongogebiets. Im Jahr 1908 wurde dann der belgische Staat Nachfolger dieser bis dahin als Privatbesitz des Königs verwalteten Kongokolonie. Das Kolonialregime Belgiens zeichnete sich durch besondere Brutalität aus. 1911 ergab eine Volkszählung im Kongo, dass in den ersten 25 Jahren der belgischen Kolonialherrschaft rund 25 Millionen Afrikaner dort ausgerottet wurden. Die „Kongogräuel“ weckten vor dem ersten Weltkrieg Empörung in der europäischen Öffentlichkeit. Das war einer der Gründe, weshalb Leopold II. für 8 Millionen Goldmark seine Privatkolonie an den belgischen Staat verkaufte. Zwischen 1885 und 1905 hatte er ein Vielfaches davon, ca. 71 Millionen belgische Franc, aus dem Kongo herausgepresst, vor allem durch Produkte wie Kautschuk, Kupfer und Diamanten.

Diese Zeit zwischen den Entdeckungsreisen Stanleys in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts und der Übernahme des Kongo durch den belgischen Staat 1908 war die erste Periode in der neueren Geschichte dieses Staates.

Die belgische Kolonialherrschaft

Die zweite Periode, die der belgischen Kolonialherrschaft, dauerte dann von 1908 bis 1960. Sie war dadurch gekennzeichnet, dass die belgische Kolonialpolitik alles daransetzte, die Herausbildung einer einheimischen Elite zu verhindern. Der eigentliche Herrscher im Kongo war die belgische private Bergbaugesellschaft „Union Minière“, die dort die Kupfervorkommen ausbeutete. Der Kongo ist seit jeher einer der ressourcenreichsten Staaten Afrikas: er ist der weltgrößte Produzent von Industriediamanten, weitere Bodenschätze sind Kupfer, Uran, Kobalt, Erdöl, Stahlveredlererze wie Mangan und Chrom, gelegen in der Provinz Katanga (Shaba) im Süden des Landes.

Der Kongo war schon im zweiten Weltkrieg Objekt eines scharfen Kampfes zwischen den westlichen Kolonialmächten gewesen, zwischen Ländern, die politisch in der Anti-Hitler-Koalition verbündet waren. Nach der deutschen Okkupation Belgiens im Mai 1940 verstärkte sich sofort das Eindringen Großbritanniens und der USA in Belgisch-Kongo. Bis 1939 hatte das amerikanische Kapital bei der Ausbeutung des Kongo nur eine untergeordnete Rolle gespielt, während Großbritannien hinter Belgien den zweiten Platz einnahm. Großbritannien gehörten hier unter anderem 21 Prozent der Kupfer- und 40 Prozent der Uranindustrie sowie 10 Prozent der Gummiplantagen. Im zweiten Weltkrieg nahmen aber schon bald die USA die führende Position im Außenhandel Belgisch-Kongos ein und erhielten den größten Teil der im Kongo produzierten Rohstoffe. Die amerikanischen Monopole nutzten die Störung der Verbindung zwischen Belgisch-Kongo und dem „Mutterland“ aus, um sich die wichtigsten ökonomischen und politischen Positionen in der Kolonie zu sichern. Vor allem errichteten die USA eine vollständige Kontrolle über die Uran-Radium-Vorkommen in Katanga, die die größten der Welt sind. 1942 zwangen die USA Belgien und Großbritannien, ihnen das Erwerbsrecht auf alles in Belgisch-Kongo geförderte Uranerz zu überlassen.

Die Zeit der „Kongowirren“

Als unter dem Druck der Entkolonialisierungswelle in Schwarzafrika Ende der 50er Jahre, großen Protestaktionen und einem Aufstand in der Hauptstadt Leopoldville (Kinshasa) auch Belgisch-Kongo 1960 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, begann die dritte Periode, die Zeit der „Kongowirren“ von 1960 bis 1965. Denn der erste Ministerpräsident der Demokratischen Republik Kongo, Patrice Lumumba, wollte - ähnlich wie Nasser in Ägypten, Nkrumah in Ghana und Sékou Touré in Guinea - den Weg eines spezifisch afrikanischen Sozialismus beschreiten, mit Verstaatlichungen, Bodenreform, Planwirtschaft, Bildungsrevolution, um nicht nur eine formale, sondern auch eine reale ökonomische Unabhängigkeit vom westlichen Kapital zu erreichen. Deshalb leiteten Belgien, Großbritannien und die USA gegen Lumumba vom ersten Tag seines Regierungsantritts an desorganisierende Maßnahmen ein: eine massive Fluchtbewegung der europäischen Bevölkerungsteile, Abzug der Goldreserven, Meuterei der noch in der Kolonialzeit entstandenen und privilegierten Armee und schließlich Invasion durch belgische Fallschirmjägertruppen, die den von den belgisch-britischen Monopolkonzernen gekauften Moise Tschombé benützten, um die Bergbauprovinz Katanga abzuspalten. Die UNO-Truppen, die Lumumba zur Abwehr dieser imperialistischen Machenschaften ins Land rief, unterstützten die Zentralregierung nur gering, weil sie zumeist von Offizieren kapitalistischer Länder befehligt wurden. Lumumba wurde von den Putschisten verhaftet, nach Katanga verschleppt und dort im Jänner 1961 im Interesse der belgischen, britischen und amerikanischen Monopole ermordet.

Diese „Kongowirren“ (zeitweilig war Tschombé als Ministerpräsident eingesetzt worden, um die Privilegien der ausländischen Konzerne im Gesamtkongo zu wahren) endeten 1965 mit der Machtübernahme General Mobutus, der sich verlässlich auf die Wahrung der Interessen der westlichen Wirtschaftsmächtigen orientierte. Zum Dank dafür wurde die Sezession Katangas beendet und der territoriale Status von 1960 wieder hergestellt.

Die Herrschaft Mobutus

Mit der Herrschaft Mobutus, der die Demokratische Volksrepublik Kongo in Zaire umbenannte, begann die vierte Periode, die von 1965 bis zu seinem Sturz 1997 dauerte. Er errichtete ein Einparteienregime und berücksichtigte, obwohl er die „Union Minière“ verstaatlichte und in kongolesischen Besitz überführte, die belgischen Interessen insofern, als er Belgier in leitenden Stellungen der nationalisierten Bergbaugesellschaft GECOMIN beließ. Die „Union Minière“ war für die Übernahme ihrer Anlagen und Werte durch die GECOMIN nicht nur entschädigt worden, sie hatte auch einen Anteil von 6,5 % am Bruttoeinkommen für die Durchführung von Produktion, Marketing und Verkauf zugesprochen erhalten. Die Abhängigkeit vom belgischen Kapital blieb somit bestehen, auch wenn Gemeinschaftsunternehmen mit japanischen und US-Firmen die Abhängigkeit Zaires vom Bergbau etwas diversifizieren sollten. Die Spitzen des Staates, allen voran Mobutu, profitierten von direkten Gewinnanteilen, die auf ihre Privatkonten überwiesen wurden, wenn sie nicht - wie im Falle der Diamanten - einen Teil der Produktion gleich selbst vermarkten ließen.

Mobutus Politik war zwiespältig insofern, als sie einerseits auf Interessensausgleich mit den kapitalistischen Staaten und Großkonzernen, andererseits auf Förderung der einheimischen Bourgeoisie gerichtet war. So wurden 1973 ausländische Firmen vollständig oder teilweise enteignet und an einheimische Unternehmer bzw. an den Staat weitergegeben (z. B. die Erdölmonopole), drei Jahre später kam es aber zur Zurücknahme dieser Maßnahmen, und der wichtigste Teil dieser Betriebe wurde gegen Entschädigung an westliche Firmen zurückgegeben.

All das bescherte Mobutu die Unterstützung seitens der kapitalistischen Mächte, und durch diese Unterstützung blieb seine Herrschaft bis in die 90er Jahre unangefochten. Seit 1990 kam es aber in Zaire zu Forderungen nach Demokratie und zum Aufflammen ethnischer Unruhen in verschienen Landesteilen bzw. erneuten Sezessionsforderungen aus den rohstoffreichen Gebieten Kasai und Shaba. Wer letztlich hinter diesen Abspaltungstendenzen steckte, zeigte sich daran, dass Mobutu auf einmal seitens der westlichen Entwicklungshilfegeber geächtet wurde. Er behielt aber zunächst genug Macht, um alle Versuche der Opposition, sein Herrschaftsmonopol zu brechen, wirkungsvoll sabotieren zu können.

Der Knoten für das Ende der Herrschaft Mobutus schürzte sich 1994 durch die Verwicklung Zaires in die Krise in Ruanda. Dort kam es in dem Jahr zu einem Massaker der Hutus an den Tutsis, organisiert von einem Hutu-Armeemachthaber, das auch Angehörige der demokratischen Hutu-Opposition einschloss. Das Ergebnis waren mindestens 500.000 Tote und 2 Millionen Flüchtlinge, hauptsächlich Richtung Zaire. Mobutu unterstützte diese Hutu-Regierungsmilizen, was sich für ihn als Bumerang erwies. Denn als die Tutsi-Rebellen im Juli 1994 die Hauptstadt Ruandas, Kigali, eroberten, unterstützten sie von Ruanda aus die im Osten Zaires agierenden kongolesischen Oppositionstruppen unter Laurent-Désiré Kabila. Seine Anhänger eroberten ab Oktober 1996 mit Unterstützung anderer politisch-militärischer Fraktionen Zaires (vor allem aus Kivu, Shaba und Kasai) immer weitere Teile des Territoriums und zogen schließlich im Mai 1997 ohne wirkliche militärische Gegenwehr in der Hauptstadt des Kongo, Kinshasa, ein. Mobutu, der sich in der Zeit seiner Herrschaft unerhört bereichert hatte, ging ins Exil, wo er bald darauf verstarb.

Die Zeit von 1997 bis heute

Damit begann die fünfte und vorerst letzte Periode, die Zeit von 1997 bis heute, in der das Land wieder nicht zur erhofften Stabilisierung gelangte, vielmehr in ein Chaos versank, mehrere Nachbarstaaten des Kongo militärisch intervenierten und bei den kriegerischen Auseinandersetzungen seit 1996 2,5 bis 3 Millionen Menschen starben (200.000 durch Kampfhandlungen, der Rest durch Hunger und Seuchen).

Laurent-Désiré Kabila politisch einzuschätzen, ist nicht leicht, und man kann diese Frage nur indirekt, durch Rückschlüsse beantworten. Fest steht, dass Mobutus Zaire, einst ein wichtiger Stützpunkt des CIA, die Unterstützung seitens der USA verloren hatte, und deshalb sein Regime so sang- und klanglos zusammenkrachte. Es war auch zu beobachten, dass die großen westlichen Medien, allen voran CNN, Kabila über Nacht zum neuen Protagonisten erhoben und wohlwollend über ihn berichteten. Drittens hat Kabila schon kurz nach seinem Machtantritt die Konzession für die Ausfuhr von Diamanten für 20 Millionen Dollar verkauft, und zwar an die israelische Firma IDI. Viertens hat Kabila eine Reihe seiner Mitstreiter, offenbar solche, die auf eine wirkliche Unabhängigkeit des Kongo drängten, verhaften oder unter Hausarrest stellen lassen. Daraus kann man mit ziemlicher Sicherheit schlussfolgern, dass Laurent-Désiré Kabila ursprünglich ein Vertrauensmann der Amerikaner war und sein Tod im Jänner 2001 - er wurde von einem seiner Leibwächter erschossen - damit zusammenhängt, dass er, aus welchen Gründen immer, plötzlich eine Kehrtwendung machte und gegen Ruanda und Uganda, mit deren Hilfe er an die Macht gekommen war, Stellung bezog. Ruanda und Uganda mit ihren Regimes sind aber heute die wichtigsten Verbündeten der Politik der USA in Schwarzafrika.

Nach Kabilas Ermordung wurde sehr schnell sein 29jähriger Stiefsohn Joseph Kabila an die Macht gehievt. Was geschah dann? Er wurde sofort nach Washington zu einem Staatsbesuch eingeladen und bereiste anschließend auch Belgien, Großbritannien, Frankreich, die Schweiz und Deutschland. Das zeigt, wie auch bei Joseph Kabila die Dinge stehen: er erfreut sich ostentativer Unterstützung seitens des Westens. Dass er sogleich zu Gesprächen nach Washington, Brüssel, Paris usw. eingeladen wurde, hing mit den von ihm eingeleiteten wirtschaftspolitischen Maßnahmen zusammen: Liberalisierung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, des Diamantenhandels und der Wechselkurse, freier Devisenverkehr und freier Umlauf des kongolesischen Franc. Joseph Kabila erklärte sich auch bereit, die Frage der Schürfrechte und der Investitionen binnen kürzester Frist gesetzlich neu zu regeln.

Die kriegerischen Ereignisse im Kongo, denen in den letzten sieben Jahren Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, wurzeln eindeutig in ökonomischen Interessen. Die verschiedenen Rebellengruppen und Warlords in den Provinzen, unterstützt von afrikanischen Nachbarländern und letztlich gesteuert vom westlichen Kapital, kämpfen um die Vorherrschaft in dem an Bodenschätzen so reichen Dschungelstaat. Es geht um Gold, Diamanten, Erdöl, Edelhölzer, Kupfer und Coltan, ein Mineral, das inzwischen teurer gehandelt wird als Gold. Der Kongo-Krieg hat für alle Beteiligten nur ein Ziel: die Ausbeutung des Landes.

Dazu einige Beispiele. Es wurde Coltan erwähnt, eine Abkürzung für Columbit-Tantal. Es ist das ein Rohstoff, von dem 80 % der weltweit bekannten Reserven von 60.000 Tonnen im Kongo liegen. Tantal ist ein seltenes, extrem hitze- und säureresistentes, sehr dichtes und zugleich einfach zu verarbeitendes metallisches Element. Wegen dieser günstigen Eigenschaften wird es bei der Herstellung von chirurgischen Geräten und im Flugzeugbau verwendet. Geradezu sprunghaft hat sich jedoch die Nachfrage nach diesem Metall erhöht, weil es sich auch zur Produktion von Bauteilen für Handys, Pager und Computer optimal eignet. Während Tantal früher noch für 40 bis 50 US-Dollar pro Pfund zu haben war, lag sein Preis im Dezember 2000 bereits bei 443 Dollar.

Die Abnehmer von Coltan sitzen vor allem in den USA und Westeuropa. Der Abbau erfolgte früher durch Firmen, die sich jedoch im Laufe des Kongo-Krieges zurückgezogen haben. Seither graben Bauern, die aus finanziellen Gründen zu Minenarbeitern wurden, unter Aufsicht von Warlords nach dem Erz. Das Metall wird zu Sammelstellen gebracht, gewogen und von Mittelsmännern in Säcken über die Grenze nach Ruanda und Uganda transportiert, von wo es seine Abnehmer im Westen erreicht. Dort erzielt es Preise, die die Vorstellungskraft der kongolesischen Bauern bei weitem übersteigt. Sie haben auch keine Ahnung davon, warum das schwarze Zeug so begehrt ist, und dass ihr Anteil an diesem Prozess enormer Bereicherung nicht mehr als ein Brosame darstellt.

Eines der führenden Unternehmen auf dem Weltmarkt für Coltan ist die deutsche Firma Starck, die zum Chemie-Riesen Bayer in Leverkusen gehört. Eine Untersuchungskommission der UNO hat festgestellt, dass die Firma Starck einen Teil des Coltans nach Kasachstan bringen lässt, wo in einer Atomfabrik dieser Rohstoff entsprechend billig weiter verarbeitet und produktionsreif für den Einbau in Handys, Pagern und PCs westlicher Erzeuger gemacht wird. Einer der Sprecher der UNO-Untersuchungskommission sagte dazu: Starck trägt die Mitverantwortung für die grauenhaften Kämpfe, denen bereits Hunderttausende zum Opfer fielen. Wir fordern die Firma auf, den Tantal-Import aus dem Kongo umgehend einzustellen und alle Partner vor Ort offenzulegen.

Nach Angaben der UNO führt der zwangsweise Einsatz von Bauern bei der Förderung von Rohstoffen zu einem Rückgang der Nahrungsmittelproduktion im Kongo. Unterernährung sowie die anhaltenden Kämpfe bedingen dort gegenwärtig eine der höchsten Sterblichkeitsraten der Welt.

Der UNO-Bericht führte dazu, dass sich einige europäische und US-Firmen aus dem Geschäft mit dem Blut-Tantal aus dem Ostkongo zurückzogen. Eine belgische Minenfirma beendete ihre Beziehungen mit ihrem kongolesischen Coltan-Lieferanten, und das US-Repräsentantenhaus verbot vorübergehend den Import von Coltan aus Ländern, die in den Krieg im Kongo verwickelt sind.

Das hat seine Gründe aber nicht im Edelmut dieser Firmen und weil sie plötzlich von moralischen Gewissensbissen benagt werden, sondern darin, dass inzwischen weitere Coltan-Lagerstätten in Australien gefunden wurden. Außerdem ist man zu einer Alternative übergegangen, die einfacher erhältlich und billiger erscheint: das Element Niobium tut den gleichen Dienst. Die bekannten Niobium-Reserven betragen weltweit rund 5,5 Millionen Tonnen. Diese Entwicklung hatte einen dramatischen Preisverfall zur Folge: das Kilo Coltan kostet inzwischen kaum noch ein Zehntel des früheren Rekordpreises.

Für den Kongo ist das insofern eine gute Nachricht, weil durch die Abkühlung des Coltan-Fiebers die Kriegsparteien vernünftiger werden könnten und sich damit größere Chancen für den Prozess der Befriedung des Landes eröffnen.

Nach wie vor ist es aber so, dass das Friedensabkommen von Lusaka 1999, unterzeichnet von den verfeindeten innerkongolesischen Gruppen und den Nachbarstaaten, das zur Entsendung eines UNO-Friedenskontingents führte, nicht erfüllt wird. In weiten Teilen des Landes ist die Wirtschaft völlig zusammengebrochen. Der Großteil der kongolesischen Produkte gelangt durch Schmuggel außer Landes, zumal große Teile des Territoriums durch Rebellen und die sie unterstützenden Nachbarstaaten militärisch kontrolliert werden.

Für die Menschen im Kongo stellt dieser Konflikt, dessen Ursachen sie nie verstanden haben, eine echte Tragödie dar. In Kinshasa ist die Bevölkerung aufgrund des Treibstoffmangels und fehlender öffentlicher Verkehrsmittel gezwungen, stundenlang durch die Stadt zu laufen, die von einem Ende zum anderen vierzig Kilometer misst. Die Familien haben sich inzwischen daran gewöhnen müssen, ihre Mahlzeiten abwechselnd einzunehmen: an geraden Tagen die Erwachsenen, an ungeraden die Kinder. Dass die Flüsse - als lebenswichtige Verkehrsadern in einem Land des Mangels an Kommunikationswegen - für die zivile Schifffahrt gesperrt sind, hat für die Bewohner des Landesinneren dramatische Konsequenzen. In Städten wie Aketi oder Bumba in der Äquatorprovinz verderben die früher für Kinshasa bestimmten Kaffee-, Maniok- und Reisernten vor Ort, oder sie werden nach Uganda gebracht. Zugleich fehlt es der Bevölkerung an Medikamenten, Kleidung, ja sogar an Salz, das Händler aus dem über tausend Kilometer entfernten Kisangani per Fahrrad durch den tropischen Regenwald transportieren müssen. Von den Soldaten der verschiedenen bewaffneten Gruppen werden Krankheiten wie Cholera, Tuberkulose, Schlafkrankheit und Aids verbreitet.

Die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren ist auf 35 Prozent angestiegen, berichtet die UNO. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat eine Studie vorgelegt, aus der hervorgeht, dass im Süden Katangas ein Viertel der Kinder ihren zweiten Geburtstag nicht erlebt. Der jahrelange Krieg hat zu Gesetzlosigkeit geführt. Immer mehr Frauen werden vergewaltigt, immer öfter werden Kinder rekrutiert oder in die Minen geschickt, wo sie sich beim Abbau wertvoller Bodenschätze schinden müssen. 90 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als einem Dollar pro Tag und nehmen gerade mal ein Essen am Tag zu sich. Frauen sehen sich in die Prostitution getrieben, um überleben zu können.

Nicht nur die Menschen leiden unter dem Bürgerkrieg im Kongo, auch die Tiere. Elefanten, Nashörner, Gazellen usw. flüchten vor den Kampfhandlungen und überqueren die Grenze nach Uganda. Aus Angst vor den bewaffneten Auseinandersetzungen bestellen immer mehr Kongolesen ihre Felder nicht mehr und gehen stattdessen wildern, um zu Nahrung zu kommen. Dabei werden auch Elefanten gejagt, deren Fleisch pro Kilo im Osten des Kongo inzwischen für 200 US-Dollar gehandelt wird.

Eine Niederlage ist der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo auch für die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU), die sich trotz vielfältiger diplomatischer Aktivitäten auf multilateraler Ebene und trotz der Ernennung des sambischen Präsidenten Frederik Chiluba zum Vermittler unfähig zeigt, einen Ausweg zu finden. Und auch die Vereinten Nationen haben versagt. Das 5.537 Mann starke Blauhelm-Kontingent, das in einem Land von der vierfachen Größe Frankreichs die Waffenruhe überwachen soll, wurde erst vor kurzem auf 3.000 Mann reduziert.

Diese Unentschlossenheit, die mit der Blockadepolitik des Kongo und fehlenden Geldmitteln, aber auch damit zusammenhängt, dass die Mitgliedsländer des Sicherheitsrates nicht den nötigen politischen Willen aufbringen, hat das Ansehen der UNO in der Region nicht gerade aufgebessert. Die Weltorganisation hat noch immer daran zu tragen, dass sie Ruanda 1994 im Stich ließ, aber auch an der Tatsache, dass die Aufrechterhaltung von Flüchtlingslagern ruandischer Hutu in Tansania und vor allem in der kongolesischen Provinz Kivu die Kriegsfolgen perpetuiert und den Keim für neuerliche Konflikte gelegt hat. Dies gilt umso mehr, als sich weder internationale noch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in der Lage gezeigt haben, die Flüchtlinge im Kongo zu schützen.

Es bleibt aber eine Hoffnung: Die Kongolesen begreifen sich heute mehr denn je als Bürger ein und desselben Landes. Überall, in der Demokratischen Republik Kongo wie im Ausland, gibt es Konferenzen, Seminare und Begegnungen, die auf Initiative der Kirchen oder ausländischer NGOs stattfinden. Dabei kommt es jedes Mal zu einem intensiven Austausch von Meinungen und Informationen, die vom Widerstand der Kongolesen gegen die Besetzung, gegen die Aufspaltung ihres Landes und gegen die Bevormundung durch das Ausland zeugen.

Das ungebrochene Nationalgefühl und eine politische Mobilisierung der Bevölkerung könnten dazu führen, im Kongo nicht mehr ein herrenloses Gut zu sehen, wie man es zur Zeit Leopolds II. nannte. Ein starker und geeinter Kongo wäre die sicherste Garantie für die Stabilität der Region Zentralafrika.

Univ.-Prof. Dr. Hans Hautmann ist Vorstand des Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz

Verwendete Literatur:
- Die Entdeckung und Erforschung der Erde. Mit einem ABC der Entdecker und Forscher, hrsg. von Walter Krämer, 6. Aufl., Leipzig 1970, Stichwort
Stanley
- Gert v. Paczensky, Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Frankfurt am Main 1979
- Rüdiger Dingemann, Westermann Lexikon Krisenherde der Welt. Konflikte und Kriege seit 1945, Braunschweig 1996
- Der Fischer Weltalmanach, Jahrgänge 1996 bis 2003, Stichworte
Zaire" und Kongo
- Walter Schicho, Handbuch Afrika in drei Bänden, Band 1, Frankfurt am Main 1999, Stichworte Kongo-Kinshasa" und Rwanda"
- Dieter Nohlen (Hrsg.), Lexikon Dritte Welt. Länder, Organisationen, Theorien, Begriffe, Personen, Reinbek bei Hamburg 2002
- David K. Fieldhouse, Die Kolonialreiche seit dem 18. Jahrhundert = Fischer Weltgeschichte, Band 29, Frankfurt am Main 1965
Pierre Bertaux, Afrika. Von der Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart = Fischer Weltgeschichte, Band 32, Frankfurt am Main 1980
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- www.cbgnetwork.org/Ubersicht/Presseinfos/Presseinfos_2002/PI-Kongo_5/pi-kongo_5.html (Download 23. Jänner 2003)