Rüsten für den nächsten Atomkrieg (Teil 2: EU)
Mit der Atombombe zur „Weltmacht Nummer 1“

Als 1995 französische Atomtests das Muroroa-Atoll im Südpazifik erschütterten, beherrschte der Protest dagegen die Medienschlagzeilen. Als zur Jahreswende 2000/2001 die Erkenntnisse der damaligen Atomtests in Rüstungsaufträge zur Produktion einer neuen Generation von Atomwaffen gegossen wurden, herrschte Funkstille. Der Weg der EU zur Atombombenmacht geschieht geräuschlos. Noch wollen die EU-Eliten kein Aufhebens darum, dass die Finalität der derzeit laufenden EU-Reformen in der zentralisierten Verfügungsgewalt über die „europäische Atombombe“ besteht.

Zu Silvester 2000/2001 knallen die Sektkorken beim frisch aus der Taufe gehobenen EU-Rüstungsgiganten EADS. Die französische Regierung hatte knapp vor der Jahreswende zwei Raketenprojekte zur Modernisierung der Nuklearstreitmacht in Auftrag gegeben. Für rund 2,85 Mrd. Euro soll bis 2008 eine neue Generation von atomaren Langstreckenraketen produziert werden; dieses sog. M-51-Programm wird „an Zielgenauigkeit und Kapazität zur Beförderung von Sprengköpfen den bisherigen M-45-Raketen deutlich überlegen sein“.(1) Bis 2005 soll dann auch die neue Generation an Atom-U-Booten der Triomphant-Klasse als Abschussbasen einsatzbereit sein. 2007 soll das zweite nukleare Raketenprojekt fertiggestellt sein, das bei EADS bestellt wurde: die neue Generation an nuklearen Mittelstreckenraketen ASMP-plus. Sie verfügen über eine deutlich erhöhte Reichweite und sollen auf Mirage- und Rafaele-Kampfflugzeugen montiert werden. Beide Raketensysteme, M-51 und ASMP-plus, sollen Träger einer neuen Generation von Sprengköpfen sein. Die Modernisierung der französischen Nuklearwaffenarsenale ist die Einstiegsluke der EU zur atomaren Supermacht. Oder was fast auf dasselbe hinausläuft: der seit Jahrzehnten angestrebte Zugriff Deutschlands auf die Atombombe. Ein kurzer Blick in die Geschichte lohnt sich:

„Nukleare Solidarität“

1954 verpflichtete sich Deutschland völkerrechtlich zum Verzicht auf ABC-Waffen. Doch bereits 1956 probte der deutsche Kanzler Konrad Adenauer den Griff zur Atombombe. Um sich am Atomwaffenverzicht vorbeizumogeln, kündigt er am 5. Oktober 1956 im Kabinett an, über die europäische Atomenergiebehörde EURATOM könne man „auf schnellstem Wege die Möglichkeit erhalten, selbst nukleare Waffen herzustellen“. Unter dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß reifte eine entsprechende Kooperation zwischen Deutschland, Frankreich und Italien heran. Im Sommer 1958 kommt jedoch Charles de Gaulle in Frankreich an die Macht. Er beendet sofort den gemeinsamen Bombenbau; der Traum der deutschen Eliten vom Griff nach der „Bombe“ war damit auf Jahrzehnte ausgeträumt - die Option wurde jedoch am Leben gehalten: 1975 erklärte die damalige SPD-FDP-Regierung zum Atomwaffensperrvertrag: „Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland erklärt, dass keine Bestimmung des Vertrages so ausgelegt werden kann, als behindere sie die weitere Entwicklung der europäischen Einigung, insbesondere die Schaffung einer Europäischen Union mit entsprechenden Kompetenzen“.(2)

Die Schaffung einer „Europäischen Union mit entsprechenden Kompetenzen“ wird in der Folge der Dreh- und Angelpunkt der Militarisierung Europas:

  • Die Haager Plattform der Westeuropäischen Union (WEU) von 1987 schreibt den nuklearen Waffen eine nicht zu ersetzende Rolle für die „Europäische Verteidigungsidentität“ zu, selbst auf die Möglichkeit eines Ersteinsatzes wollen NATO-Staaten nicht verzichten.

  • 1992 wird im Maastricht-Vertrag die Perspektive gemeinsamer EU-Streitkräfte angedeutet. Der französische Außenminister Poncet sprach damals bereits aus, worin diese Persepktive schließlich münden müsse: „Am Ende des Weges zur europäischen Solidarität wird klarerweise auch die nukleare Solidarität stehen“.(3)

  • Ermuntert durch diese Erfolge wird in den „Konzeptionellen Leitlinien zur Weiterentwicklung der Bundeswehr“ vom Juli 1994 ohne große Umschweife eine „nukleare Teilhabe“ Deutschlands eingemahnt.

  • Mitte der 1990er-Jahre fordert der außenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Karl Lamers: „Wenn wir eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik schaffen, müssen die nuklearen Waffen einbezogen werden. Und wenn diese Politik wirklich eine gemeinsame ist, dann heißt das natürlich auch, dass die Deutschen ein Mitwirkungsrecht bekommen müssen“.(4)

Als schließlich die französischen Atomtests im Südpazifik die internationale Öffentlichkeit auf die Barrikaden brachten, bot der französische Premier Juppe den EU-Staaten, insbesondere Deutschland, die „europäische Option einer erweiterten (nuklearen) Abschreckung“ an.(5) Die deutsche Bundesregierung zeigte sich erkenntlich: man schwieg zu den französischen Atomtests und bereitet hinter den Kulissen die nächsten Schritte vor:

  • Bei der Weiterverlängerung des Atomwaffensperrvertrages 1995 macht die BRD wesentliche Einschränkungen: „Deutschland würde sich nicht mehr an den Vertrag gebunden fühlen, falls es europäische Atomstreitkräfte gäbe“. Und: Deutschland „behält sich das Recht vor, seine Atomanlagen auch für militärische Forschungen zu nutzen“.(6) Konsequent verhindert die deutsche Delegation auf der Atomwaffensperrvertragskonferenz einen Beschluss, der die Benutzung von hochangereichertem, waffenfähigem Uran (HEU) in Forschungsreaktoren unterbinden sollte. Ein Jahr später beginnt der Bau von Garching II, einem Atomreaktor in der Nähe von München, der trotz internationaler Proteste mit waffenfähigem Uran betrieben werden soll. 2001 geht dieser Atomreaktor mit der Genehmigung der rot-grünen Bundesregierung in Betrieb.

  • 1997 enthüllte Le Monde ein Geheimabkommen zwischen Kohl und Chirac. Diese hatten sich im Rahmen des Deutsch-Französischen Sicherheitsrates am 9. Dezember 1996 in Nürnberg auf ein Abkommen über die Militär- und Rüstungskooperation zwischen Frankreich und Deutschland geeinigt. In dem Abkommen heißt es wörtlich: „Unsere beiden Länder sind bereit, einen Dialog über die Rolle der nuklearen Abschreckung im Kontext der Europäischen Verteidigungspolitik aufzunehmen“.(7)

  • 1999 kommt es schließlich zum rüstungsindustriellen Paukenschlag: die deutsche DASA und die französische Aerospatiale Matra fusionieren zum Rüstungsgiganten EADS. Die Aufträge der französischen Regierung zur Modernisierung der Nuklearwaffenarsenale (siehe oben) gehen Ende 2000 damit zum ersten Mal an ein Unternehmen, das mit Daimler-Chrysler einen deutschen Mehrheitseigentümer hat.

Der geheime Auftrag für den EU-Konvent: „Weltmacht Nr. 1“

Ab der Jahrtausendwende geht die Entwicklung schließlich im Zeitraffer: 2000 greift der grüne Außenminister Fischer die alte „Kerneuropa“-Idee des CDU-Atomwaffenfans Karl Lamers auf. Ein „Avantgardeeuropa“ solle voranschreiten, insbesondere hinsichtlich der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Beim Vertrag von Nizza Ende 2000 wird die Möglichkeit der Bildung solcher „Avantgardegruppen“ zum ersten Mal institutionell festgeschrieben. Ab 2003 steht eine EU-Eingreiftruppe für weltweite Militäreinsätze bereit. Doch der letzte Schritt - die vollständige Zentralisierung der Militärpolitik, und damit die Verfügungsmacht über die „europäische Atombombe“ fehlt noch. Diesen soll der EU-Konvent bis 2004 vorbereiten. Die Machteliten wissen natürlich, dass sie diese „Finalität der EU“ den Bevölkerungen nicht vorzeitig preisgeben dürfen. Deshalb wird ein wahres Feuerwerk an Ablenkungsmanövern inszeniert und Heerscharen von politischen Gauklern bemüht, die abwechselnd von der „Zivilmacht Europa“ oder von der „revolutionären Erneuerung Europas“ faseln. Doch manchmal rutscht jemandem heraus, worum es wirklich geht: „Mit einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik wäre die EU Weltmacht Nummer 1“, erklärt das österreichische Konventsmitglied Maria Berger unlängst die Zielstellung des EU-Konventes.(8) Massenvernichtungswaffen und äußerste Zentralisierung der politischen Macht sind die Voraussetzungen dafür. Dieser Kampf um die „Weltmacht Nummer 1“ hat vor einem halben Jahrhundert unseren Kontinent in Schutt und Asche gelegt und zu den atomaren Feuerstürmen von Hiroshima und Nagasaki geführt. Es gilt sich der Worte Bertolt Brechts zu erinnern: „Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden“.

Gerald Oberansmayr

Anmerkungen:
(1) Presseaussendung von EADS, 30.11.2000
(2) Bulletin der Bundersregierung, Bonn, 1975, S. 542
(3) Le Monde, 12.1.1992
(4) Henken, Lühr: Deutsche Atommachtambitionen, in: Schrägstrich 3-4/95, S. 6
(5) 7.9.1995, Rede von Premierminister Juppe beim Institut für hohe Verteidigungsstudien (IHEDN)
(6) zit. nach: Gespräch mit dem Botschafter Indiens in der BRD, Satinder K. Lambah, über Parallelen zwischen der indischen und der deutschen Atompolitik, in: http://www.naher-osten.de/Zeitungs-Artikel/Lambah-Interview/lambah-interview.html
(7) „Gemeinsames deutsch-französisches Sicherheits- und Verteidigungskonzept“, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bulletin Nr. 12, 5.2.1997, S. 117-120
(8) Maria Berger, in: Wie viel Europa wollen wir uns zumuten?, OÖ-Nachrichten, 4.5.2002

aus: guernica 3/2002