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Hautmann
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Interview mit Univ.-Prof. Dr. Hans Hautmann, Vorstand des Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz
Gleich nach dem als Anti-Temelin getarnten
Anti-Tschechien-Volksbegehren der FPÖ wurden - wie erwartet - die Benes-Dekrete wieder ins Spiel gebracht. Wie erklären Sie sich, dass die Aufhebung der Benes-Dekrete so vehement gefordert wird, auch wenn tschechische Regierungen nach 1989 wiederholt erklärt haben, dass die Wirksamkeit der Benes-Dekrete erloschen sei?
Die Formel, dass die Benes-Dekrete heute „totes Unrecht“ seien - auf die man sich schließlich einigen wird, weil die realen ökonomischen Interessen der Mächtigen in der EU am Beitritt Tschechiens Vorrang haben und keine tschechische Regierung sie
rückwirkend aufheben wird - genügt jenen nicht, die gewillt sind, die emotionsgeladene Frage der sudetendeutschen Vertriebenen für das Spiel auf der Klaviatur rechtspopulistischer Ressentiments am Kochen zu halten.
Neben dem vordergründigen Argument der „Menschenrechte“ - Welche politischen Ziele verfolgen jene Kräfte, die auf der Aufhebung der Benes-Dekrete beharren?
Es geht ihnen meiner Meinung nach darum, die Ursache-Folge-Beziehung vergessen zu machen. Als die große Mehrheit der Sudetendeutschen 1938 sich an der Zerschlagung der CSR - eine der letzten Bastionen der parlamentarischen Demokratie in Mitteleuropa - beteiligte, musste diese wissen, dass ihr „Befreier“ eine faschistisch-rassistische Diktatur, das auf Krieg lossteuernde Hitlerdeutschland, war. Die Losung vom „Selbstbestimmungsrecht“ war für sie und Hitler nur ein Vorwand, um die Verhältnisse in Böhmen und Mähren, wie sie vor 1918 bestanden, wiederherzustellen, um erneut zum „Herrenvolk“ über die Tschechen zu werden, für die man nach dem „Endsieg“ die „restlose Entfernung aus diesem Raum“ plante. Die Benes-Dekrete als eines der Ergebnisse des Sieges der Völker über das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg haben mit einem radikalen Schnitt solchen Aspirationen ein für allemal ein Ende gemacht. Die Forderung nach ihrer „Ungültig-Erklärung“ muss daher als Versuch bewertet werden, die Nachkriegsordnung zu revidieren und das Täter-Opfer-Verhältnis ins Gegenteil zu verkehren.
Was spricht - Ihrer Meinung nach - sonst noch gegen eine formelle Aufhebung der Benes-Dekrete?
Ein solcher Schritt kann nicht, wie man oft hört, eine „Aussöhnung“ bewirken und zur Beruhigung beitragen, sondern die Situation nur verschärfen und vergiften. Alle Tschechinnen und Tschechen würden sich gegen die Restitutionsansprüche und die heute schon von den Vertriebenenverbänden erhobene Forderung nach dem „Recht auf Rückkehr in die Heimat“ erbittert zur Wehr setzen, wodurch die Lage weiter - möglicherweise sogar in unkontrollierbare Richtung - eskalieren würde. Daran haben aber selbst jene Kreise kein Interesse, für die das Problem der vertriebenen Sudetendeutschen mehr eine Frage des Herausschlagens von politischer Münze (etwa bei Wahlen) war und ist: die CDU/CSU und die ÖVP.
Danke für das Interview.
Interview: Günter Reder
aus:
guernica 1/2002
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