NMD/Star Wars
Herrscher über den Weltraum

Interview mit William Hartung, Militärexperte am „World Policy Institute“ in Washington und New York, Autor in der Wochenzeitschrift „The Nation“, Autor mehrerer Bücher und Kommentator im US-Fernsehen.

Kann ein Raketenverteidigungssystem á la „Star Wars“ überhaupt funktionieren?

Die USA basteln seit den 50er-Jahren an Raketenabwehrsystemen herum und haben seitdem mehr als 100 Milliarden Dollar dafür ausgegeben. Einige Systeme wurden sogar aufgestellt, aber nur ein paar Monate lang, und Reagans „Star Wars“ in den 80ern war eine völlige Pleite. Aber Atomwaffen haben eine ungeheure zerstörerische Kraft und entwickeln außergewöhnlich hohe Geschwindigkeiten. Sie sind so beschaffen, dass es gegen sie schlichtweg keine zuverlässige Verteidigung geben kann. Der einzige Schutz vor Atomwaffen bestünde dann, wenn sie verschrottet wären. Leider kommt jetzt auf einmal die „National Missile Defense“ NMD der Bush-Regierung daher. Spannungen mit Russland waren deshalb nur eine Frage der Zeit, und China muss sich provoziert fühlen, sein kleines Arsenal massiv aufzurüsten. China hat zum Beispiel bisher nur 18 Raketen, welche die USA erreichen könnten. Es wird jetzt vermutlich Tausende von Sprengköpfen bauen.

Dass das NMD nicht funktionieren kann, dürfte dem Pentagon und den Militärs weltweit bekannt sein. Weshalb wird es überhaupt geplant?

Für einige Konservative, vor allem für die Reagan-Anhänger und etliche Mitglieder im US-Kongress, hat das NMD geradezu eine religiöse Funktion. Sie glauben in einer Mischung aus Arroganz und Wunschdenken einfach daran, dass es machbar ist. Sie wollen daran glauben. Die zweite Interessengruppe ist die Rüstungsindustrie. Sie wollen es bauen, unabhängig von seiner Machbarkeit. Denn es ist für die Konzerne ein Multi-Milliarden-Geschäft. Außerdem ist das NMD-Projekt eine Rechtfertigung für das bestehende Nukleararsenal der USA. So kann Lockheed Martin seine „Trident“-Raketen weiter verkaufen, neue Sprengköpfe entwickeln und gleichzeitig Aufträge für Raketenabwehrsysteme einheimsen.

Wie ist die Haltung der amerikanischen Militärs zum NMD?

Leute wie Donald Rumsfeld, der neue Pentagon-Chef, verstehen die geplante Raketenabwehr als Offensiv-System. Sie gehen davon aus, dass zum Beispiel Nordkorea oder der Irak Massenvernichtungswaffen entwickeln. Eine US-Raketenabwehr würde dann als Rückendeckung für einen US-Angriff dienen. Darüber hinaus betrachten Rumsfeld und sein Umfeld den Weltraum als nächste Kriegsfront. So wie Großbritannien im 19. Jahrhundert die Ozeane kontrollierte, sollen die USA im 21. Jahrhundert Herrscher über den Weltraum sein. Es gibt eine zweite Strömung im US-Militär um den neuen Außenminister Colin Powell. Er ist „Star Wars“ und NMD gegenüber skeptisch eingestellt und verfolgt eine pragmatische Linie, was in konservativen Kreisen Besorgnis ausgelöst hat. Powell kann die NMD-Pläne vielleicht verlangsamen. Aber Powells Macht und der Einfluss seiner Untergebenen sind von Bush, Vizepräsident Cheney und Rumsfeld längst begrenzt worden.

Es heißt neuerdings, „Star Wars“ sei nur Teil eines viel umfassenderen Unternehmens?

In den Hirnen der Militärs geistern bereits Anti-Satelliten-Waffen herum oder auch Waffensysteme, die im Weltraum stationiert sind. Deshalb stellten sich die USA auf der Genfer Abrüstungskonferenz gegen Vorschläge aus China, den Weltraumvertrag von 1967 zu verlängern. NMD ist tatsächlich etwas anderes als das Bedürfnis, Raketen abprallen zu lassen. Es geht der US-Regierung darum, über das Vehikel NMD ihren technologischen Vorsprung zu bewahren und auszubauen - nicht nur gegenüber potentiellen Feinden Amerikas, sondern auch gegenüber seinen Verbündeten.

Bisher sind die Versuche der USA, Europa von NMD zu überzeugen, jedenfalls gescheitert ...

Leute wie Kissinger und Bush in der Vergangenheit und Rumsfeld und Bush Junior heute werden weiter auf Europa einreden, dass die USA Europa gegen iranische oder irakische Raketen verteidigen kann und muss. Dahinter verbirgt sich aber auch eine Drohung. Wir Amerikaner bauen NMD, egal was ihr Verbündeten sagt, also springt besser aufs Schiff auf. Dann könnt ihr NMD mitgestalten und Verträge für eure Rüstungsschmieden bekommen. Die Bush-Regierung stellt NMD als unvermeidbar hin in der Hoffnung, dass die europäischen Regierungen es schon schlucken werden.

Interview: Max Böhnel (aus Volksstimme 7/2001)

aus: guernica 1/2001