Zur Situation im Irak
Das Embargo muss beseitigt werden

Der Linzer Student, Jürgen Enser, war im Rahmen einer Solidaritätsdelegation im Irak. Die guernica führte mit ihm folgendes Interview.

(Es folgt das komplette Interview, das in der guernica 1/2003 gekürzt erschienen ist.)

Du konntest dich vor Ort selbst von den verheerenden Folgen des Krieges 1991 und des gegen den Irak verhängten Embargos überzeugen. Was waren diesbezüglich deine persönlichen Eindrücke?

Ich war über den Jahreswechsel mit einer Delegation der Antiimperialistischen Koordination (AIK) im Irak. Wir haben dort unter anderem zwei Krankenhäuser besucht, eines in Bagdad, eines in Basra, im ärmeren Süden. Die Zustände sind wirklich schlecht, man merkt, dass es dort heute einfach an allem fehlt, obwohl der Irak früher über ein relativ hohes soziales Niveau bzw. über ein gut entwickeltes staatliches Gesundheitssystem verfügte. Heute stehen einfachste Medikamente, Bestandteile von wichtigen Medikamenten und notwendige medizinische Geräte auf der UN-Embargo-Liste. Selbst einfache Krankheiten wie Durchfall, Grippe, Kinderkrankheiten führen so bei vielen Patienten zu bleibenden Schäden oder gar zum Tod. Kinder sind hier besonders stark betroffen. Man schätzt, dass durch die unmittelbaren Auswirkungen des UN-Totalembargos mehr als eine Million Kinder sterben haben müssen, die bei Anwendung notwendiger Medikamente überleben hätten können. Selbst der Import von Brutkästen für zu früh geborene Kinder wird ohne Angabe von Gründen mit Verweis auf das UN-Embargo immer wieder abgelehnt. Chlor und ähnliche Chemikalien, für die Desinfizierung der Wasserversorgung in klimatisch heißen Gebieten notwendige Mittel, dürfen weder eingeführt, noch kontrolliert angewendet werden. Dies ist der Hauptgrund für die stark gestiegene Kindersterblichkeit im Irak. Importierte Blutkonserven, zwar nicht verboten, werden häufig so lange „kontrolliert“, bis sie nicht mehr verwendet werden können. Publikationen mit neuen medizinischen Erkenntnissen dürfen nicht in den Irak eingeführt werden. Wir besuchten eine Station mit an Meningitis (Gehirnhautentzündung) Erkrankten. Diese Krankheit, die heute bereits sehr gut behandelt werden kann, führt im Irak heute zwingend zu bleibenden Schädigungen oder zum Tod. Wenn man diese irakischen Mütter gesehen hat, die ihren eigenen Kindern tatenlos beim Sterben zusehen müssen, dann fragt man sich, was „Terrorismus“ wirklich ist.

In Basra besuchten wir auch in der Kinderabteilung die Station mit den missgebildeten Neugeborenen. Im Südirak bombardierte die US-Armee 1991 erstmals die Bevölkerung massenhaft mit uranabgereicherter Munition (strahlendes Material). Ähnlich wie bei den Strahlungsopfern in Tschernobyl stieg auch im Südirak nach fünf, sechs Jahren die Zahl der Missbildungen bei Neugeborenen stark an. Gab es dort früher auf 1.000 Geburten knapp über 10 Missbildungen, so stieg diese Zahl bis heute auf über 70 (!) an und wird noch weiter steigen. Da den irakischen Angaben offiziell kein Glauben geschenkt wird, hat der Irak angeboten, internationale Wissenschaftler ins Land zu lassen. Dieses Angebot wurde von der UNO abgelehnt.

Seit Jahren gibt es durch die Wirtschaftsblockade im Irak eine Lebensmittelknappheit. Nahrungsmittel sind fix rationiert, die notwendigsten davon werden kostenlos an Bedürftige und Kinder abgegeben. Dennoch sind viele Menschen unterernährt, was besonders für Kinder schlimme Folgen hat. Zusätzlich zur Lebensmittelverknappung leidet der Irak zunehmends auch an Wasserknappheit, da die Türkei die beiden lebensspendenden Flüsse des „Zwischenstromlandes“, Euphrat und Tigris, bereits in der Türkei rückstaut. Die Wasserversorgung des agrarischen Gebietes des Irak sank seitdem auf ein Drittel.

Obwohl der Irak also über eine der reichsten Erdölreserven der Welt verfügt, muss die irakische Gesellschaft mit den Lebensbedingungen eines Entwicklungslandes fertig werden. Das Embargo gegen den Irak ist unmenschlich und muss daher umgehend beseitigt werden.

Wie ist die Stimmung in der „einfachen“ irakischen Bevölkerung in Erwartung des Angriffes der USA und deren Verbündeter?

Im Grunde waren wir ziemlich überrascht, wie ruhig das irakische Alltagsleben, zumindest vordergründig, noch immer seinen Lauf nimmt. Dennoch wurde uns immer wieder in Gesprächen auf der Straße oder im Basar mitgeteilt, dass „man sich und sein Land gegen den US-Aggressor bis aufs letzte verteidigen werde“. Dies wurde uns auch vom Imam des schiitischen Heiligtums in Nadshaf bestätigt. Die Imame würden zur Verteidigung des Irak aufrufen.

Obwohl wir erfuhren, dass zur Verteidigung bereits Lebensmittelpakete an die Bevölkerung und Waffen an die Reservisten verteilt worden waren, begegneten wir auf den Straßen so gut wie keinem Militär und, völlig unerwartet, auch nur wenigen Polizisten. Und dies, obwohl der Krieg eigentlich schon begonnen hat. In der nördlichen und südlichen „Flugverbotszone“ wurde bereits bombardiert, im Norden tummelt sich türkisches Militär, unterstützt von US-Söldnern, bereits seit Monaten auf irakischem Territorium, und immer wieder werden von Flugzeugen zehntausende von Propagandaflugzetteln über irakische Großstädte abgeworfen.

Wir haben auch mit Irakern gesprochen, die 1991 als Soldaten das US-Massaker auf die bereits flüchtende irakische Armee miterlebt hatten. Diese erschütternden Kriegserlebnisse werden verstärkt durch die Furcht, dass ein aktueller Eroberungsfeldzug durch Amerikaner und Briten gegen den Irak noch grausamer sein könnte.

Die westlichen Kriegstreiber argumentieren oft - in Verschleierung ihrer wahren Beweggründe - einen neuerlichen Krieg gegen den Irak damit, die irakische Bevölkerung zu „befreien“. Welche Einschätzung hat man im Irak in Hinblick auf die Gründe und Ziele der westlichen Kriegspläne?

Was viele Menschen hierzulande nicht wissen, ist, dass der Irak bis dato noch immer eine der stabilsten Ordnungsmächte im Nahen Osten ist. Das Saddam-Regime mag ein „blutrünstiges“ sein, aber es ist ein „blutrünstiges“ Regime in der Geschichte eines Landes, das bisher nur solche kannte, umgeben ausnahmslos von Staaten mit „blutrünstigen“ Regimen. Um das geht es den USA, der EU, NATO oder UNO auch gar nicht.

Bis vor 10 Jahren war der Irak noch ein Land mit einem der höchsten sozialen Standards im Nahen Osten, mit einem umfangreichen Versorgungs-, Bildungs- und Gesundheitssystem. Eine der Stützen des Regimes ist nicht zuletzt die Schicht schiitischer Kleinbauern im Südirak, die erst durch die Landreform des Baath-Regimes zu eigenem Land gekommen waren. Der Irak ist ein säkulares Land. Die religiöse Toleranz des Irak ist sprichwörtlich. Es gibt in Bagdad drei jüdische Synagogen, in Barsa ebenfalls eine, die öffentlich zugänglich sind. Der Stellvertreter Saddams, Tarik Aziz, ist ein chaldäisch-katholischer Christ, Schiiten und Kurden sind im Regime vertreten. Im Irak gibt es die Todesstrafe und sicherlich auch Willkür, aber keine Steinigungen, Auspeitschungen und kein Abhacken von Gliedmaßen, wie dies bei irakischen Nachbarstaaten übliches islamisches Recht ist. In Bagdad gibt es mindestens so viele unverschleierte wie verschleierte Frauen, für ein muslimisches Land durchaus bemerkenswert.

Die Irakis wissen, dass Amerikaner und Briten diesen Krieg nicht aus „humanitären“ Gründen führen werden, sondern weil sie dem Irak die Verfügungsgewalt über das Erdöl nehmen und ein ihnen höriges Regime installieren wollen. Bei einem Treffen mit Vize-Premier Tarik Aziz und Außenminister Naji Sabri al Hadithi wurde uns gegenüber sinngemäß betont, dass „dem irakischen Volk die Wahl zwischen Saddams Irak und Bushs Afghanistan nicht schwerfiele“. Damit wurde ohne Zweifel die Grundstimmung in der irakischen Bevölkerung getroffen.

aus: guernica 1/2003