Interview mit dem Purkersdorfer Gemeinderat Ingo Riß
„... Nicht vom Heeresnachrichtendienst in die Pflicht nehmen lassen“


Riß

Durch Deine Initiative wurde Purkersdorf zur ersten Gemeinde, die beschloss, Auskünfte nach dem Militärbefugnisgesetz zu verweigern. Seither sind weitere dem Beispiel von Purkersdorf gefolgt. Wie schätzt Du die Bedeutung dieses Widerstandes gegen das MBG ein?

Es ist der Friedenswerkstatt Linz zu danken, trotz Fokussierung jeglicher Öffentlichkeit auf die EU-Sanktionen gegen Österreich im Vorjahr, das von der neuen Regierungskoalition beschlossene Militärbefugnisgesetz in seiner Bedeutung erkannt zu haben. Die Tatsache, dass das Gesetz die Gemeinden - auf Zuruf des Militärgeheimdienstes oder des Verteidigungsministers zu Auskünften und Herstellung von Falschurkunden verpflichtet, hat uns veranlasst, die bereits angelaufenen Initiativen auf die Ebene der Gemeindepolitik zu übertragen. Die Befassung der Gemeindevertretungen bewirkt zweierlei: Zum einen können sich die Gemeinden per Beschluss quasi prophylaktisch gegen Begehrlichkeiten des Geheimdienstes verwahren und darüberhinaus sehe ich damit eine Möglichkeit, auch auf Gemeindeebene grundsätzliche demokratiepolitische Fragen zu diskutieren und auch zu gestalten. In vielen Gemeinden ist das auch wahrgenommen worden, wobei das Beispiel Purkersdorf sicher impulsgebend war.

Wie reagiert eigentlich das Verteidigungsministerium auf die wachsende Ablehnung des Militärbefugnisgesetzes?

In Militär und Verteidigungsministerium schien man über die Gemeindeinitiativen völlig überrascht zu sein. Äußerungen aus dem Verteidigungsministerium waren geradezu eine Bestätigung der Antibespitzelungsbeschlüsse der Gemeinden. Ein Ministerialsprecher ließ nach dem Purkersdorfer Beschluss via Standard dankenswerterweise ausrichten, in Purkersdorf werde man nun halt nicht anfragen. Das ist natürlich ein positiver Anreiz auch für andere Gemeinden. Eine offizielle Stellungnahme des Heeresressorts zu den Gemeindebeschlüssen ist mir bis dato nicht bekannt. Selbst eine vom Minister beauftragte rechtliche Prüfung hat offensichtlich keine Handhabe gegen die Beschlüsse erbracht. Allerdings besteht der Eindruck, dass das Verteidigungsministerium zumindest in größeren Gemeinden und Städten interveniert und entsprechende Beschlussfassungen zu verhindern sucht.

Wie schauen Deiner Meinung nach die weiteren Perspektiven im Kampf gegen das Militärbefugnisgesetz aus?

Das Militärbefugnisgesetz tritt mit 1. Juli 2001 in Kraft. Die Sache ist daher hochaktuell. In der zweiten Juni-Hälfte wird das Militärbefugnisgesetz auch im Wiener Gemeinderat behandelt werden. Karl Schlögl hat noch als niederösterr. SPÖ-Vorsitzender und stellv. Bundesvorsitzender die Gemeinden aufgerufen, gleichartige Beschlüsse zu fassen. Es wird interessant, wie sich die Wiener Rathausfraktion mit absoluter Mehrheit verhalten wird. Und gerade nach Inkrafttreten des Gesetzes kann die Bevölkerung zu recht erwarten, dass sich ihre Gemeinden nicht vom Heeresnachrichtendienst in die Pflicht nehmen lassen. Hier besteht ein berechtigtes Schutzbedürfnis. Die nunmehr vielerorts geführte Debatte um das Militärbefugnisgesetz zeigt aber auch, wie sehr in den Gemeindestuben wieder das Argument geführt wird „die werden sich schon was gedacht haben“ und „rechtschaffene Bürger haben nichts zu befürchten“ - eine Haltung, die schon einmal Geschichte gemacht hat. Auch eine Auseinandersetzung darüber in den Gemeinden halte ich für produktiv.

Dr. Ingo Riß ist Rechtsanwalt und Purkersdorfer Gemeinderat der Liste Baum

aus: guernica 2/2001