Ohne Tarnname:
Die NATO in Makedonien


Protest gegen NATO und UCK in Skopje

So stellen sich NATO, EU und OSZE die künftige Politik auf dem Balkan vor: kleine, wirtschaftlich und politisch unselbständige Staaten mit schwachen, erpressbaren Regierungen, die nach der Pfeife der westlichen „Wertegemeinschaft“ tanzen. Makedonien musste seit dem ersten Tag seiner staatlichen Existenz dieses Erfordernis erfüllen.

Als Reaktion auf die am 17. August eingeleitete und am 23. August 2001 beschlossene Intervention der NATO in Makedonien hatten aufgebrachte makedonische Demonstranten die Hauptstraße zwischen Skopje und Pristina besetzt. Damit war die infrastrukturelle Hauptschlagader zwischen der NATO-Basis in Griechenland und der neuen Kolonie in Kosova unterbrochen. Über diese Route fuhren seit dem Sommer 1999 täglich LKW-Kolonnen, um die 30.000 KFOR-Soldaten sowie zehntausende UNMIK- und NGO-Verwalter zu versorgen. Die Installierung einer Ausweichroute über Albanien war aus politischen Gründen unzumutbar und aus geographischen schwierig; den großalbanischen Plänen der kosovarischen Parteien wollte die NATO nicht auf derart plumpe Weise Vorschub leisten. Die militärische Beseitigung der Blockade konnte man deshalb nicht riskieren, weil tote oder verletzte Makedonier sich zu Beginn der mühsam als Hilfsoperation titulierten Intervention negativ ausgewirkt hätten. Also behalf man sich im Brüsseler Hauptquartier mit einem Zuruf an die Belgrader Regierung und den jugoslawischen Präsidenten. Seit dem 24. August 2001 darf die NATO ihre Transporte über Südserbien nach Kosova führen. Die Erlaubnis dafür war von Djindjic und Kostunica leicht zu erhalten; immerhin hatte noch kein Land der Nehmerkonferenz, die in den bürgerlichen Medien als „Geber“konferenz bezeichnet wird, ihren Anteil an den 1,25 Mrd. US-Dollar überwiesen, die Belgrad - zu mehr als 80 % in Form von  Krediten - nach der Überstellung von Milosevic an Den Haag versprochen worden waren.

Nach der Pfeife tanzen

So stellen sich NATO, EU und OSZE die künftige Politik auf dem Balkan vor: kleine, wirtschaftlich und politisch unselbständige Staaten mit schwachen, erpressbaren Regierungen, die nach der Pfeife der westlichen „Wertegemeinschaft“ tanzen. Makedonien musste seit dem ersten Tag seiner staatlichen Existenz dieses Erfordernis erfüllen. Nicht einmal sein eigener Name ist dem Landstrich entlang des Flusses Varda vergönnt. „Former Yugoslav Republic of Makedonia“ (FYROM) steht auf den kleinen Schildchen in der UNO und der OSZE, hinter denen rasch wechselnde Gesichter von Außen- und sonstigen Ministern hervorlugen. Der im Selbstverständnis antikommunistische Staat Makedonien muss sich über seine titoistische Vergangenheit definieren.

NATO-Truppen stehen seit 1992 im Lande, deutsche Soldaten waren bereits lange vor dem Angriff der NATO auf Jugoslawien in der Gegend von Tetovo stationiert. Dem neuerlichen Einmarsch von 4.500 Kriegern der Militärallianz, die angeblich zur Entwaffnung albanischer Rebellen von der makedonischen Regierung ins Land gebeten wurden, war eine militärisch-politische Inszenierung imperialer Strategen vorausgegangen.

Militärisch-politische Inszenierung

Diese begann bereits im September 1999 mit der Umformung der kosovarischen UCK in das „Kosovo-Schutzkorps“. Damit kam die westliche Verwaltung Kosovas, die UNMIK, formal der UN-Resolution 1244 nach, die die Entwaffnung der UCK vorgesehen hatte. Aus dem „Kosovo-Schutzkorps“ entwickelten sich rasch weitere bewaffnete albanische Gruppen, die - je nach Lesart - Terroristen oder Befreiungskämpfer genannt werden: die UCPMB in Südserbien und die UCK („Nationale Befreiungsarmee“) in Makedonien. Am 23. Jänner 2001 begann die UCK ihre Offensive in Makedonien, rückte am 12. Februar bereits in einige Dörfer an der Grenze zu Kosova ein, erreichte Mitte Juni den Skopioter Vorort Arancinovo und am 23. Juli das Zentrum von Tetovo, der zweitgrößten makedonischen, mehrheitlich albanisch besiedelten Stadt.

Zu einem Schmierentheater entwickelte sich die Inszenierung, als am 25. Juni 2001 400 UCK-Männer mitsamt ihren Waffen von 80 NATO-Kriegern aus Arancinovo geleitet wurden. Tagelang hatte die UCK-Truppe makedonische BewohnerInnen bedrängt, war in Wohnblocks eingedrungen und drohte mit der Bombardierung der Raffinerie und des Flughafens von Skopje. Bis NATO- und EU-Vermittler den rechten makedonischen Präsidenten Boris Trajkovski so sehr unter Druck setzten, dass dieser dem Geleitschutz für die UCK-Männer zustimmte. Parallel dazu bastelten USA, EU und OSZE an einem albanischen Bündnis. OSZE-Sonderemmissär Robert Frowick lud die zwei großen albanischen Parteien aus Makedonien und die UCK-Führung ins kosovarische Prizren, wo bereits 1878 erste großalbanische Träume niedergeschrieben wurden. Die „Plattform von Prizren“, von der makedonische Politiker erst aus den Medien erfuhren, bildete die Grundlage für die Forderungen der albanischen Minderheit in Makedonien: die Einführung der albanischen Amtssprache im Norden, ein parlamentarisches Vetorecht auf nationaler Basis und die Anerkennung der Albaner als Staatsvolk. Während die Amtssprachenregelung den Lebensbedingungen in Makedonien entspricht, widersprechen das parlamentarische Vetorecht für die albanische Volksgruppe und die Anerkennung als Titularnation dem makedonischen Selbstverständnis. Wozu hätte Skopje einen makedonischen Nationalstaat aus Jugoslawien herausschälen sollen, um nun - auf Druck des Westens - eine Verfassung anzunehmen, die der Identität des jungen Staates zuwiderläuft? Pläne für eine Abtrennung der nördlichen, albanisch besiedelten Gebiete, liegen bereits in der Schublade der makedonischen Akademie der Wissenschaften. Ob es dazu kommen wird, hängt allerdings längst nicht mehr von Skopje ab; NATO, EU und OSZE bestimmen, wo ihnen welche Multikulturalität von Nutzen sein kann. In Kroatien und Kosova halfen sie bei den ethnischen Bereinigungen mit, in Bosnien und neuerdings in Makedonien setzen sie auf ein ethnisches Gemisch. In jedem Fall wissen sie sich der nationalen Widersprüche, die eine Folge der ungelösten sozialen und ökonomischen Frage sind, bestens zu bedienen ... auf dass ihren Truppen überall auf dem Balkan freie Fahrt und den großen Weltkonzernen freie Investition und Gewinnrückführung ermöglicht werde.

Dr. Hannes Hofbauer ist Historiker und Journalist

aus: guernica 3/2001