Kriegsursachen
Die Währung des schwarzen Goldes

Der Ölkrieg wird auch um die Vorherrschaft von Dollar und Euro geführt, meint Elmar Altvater, Professor an der Freien Universität Berlin.

Wer die Ölreserven beherrscht, hat viele Trümpfe in der Hand. Die Rate der Erschöpfung bekannter Felder liegt seit den 90er Jahren höher als die Rate der neu gefundenen und erschlossenen Felder. Die Ausbeutung beträgt derzeit ca. 22 Mrd. Barrel pro Jahr, es werden aber nur im Durchschnitt 6 Mrd. Barrel pro Jahr neu gefunden.

Vom Kampf um die Erdölreserven ...

Gerade angesichts steigender Nachfrage nach dem schwarzen Stoff, da ja China, Indien und andere Länder bei der Industrialisierung nachziehen wollen - und müssen, wenn sie das Regelwerk der WTO respektieren - ist die Herrschaft über Ölproduktion und Ölmarkt entscheidend. Wer meint, bei der Versorgung mit diesem Treibstoff der Industriegesellschaften würden Marktgesetze mit „unsichtbarer Hand“ wirken, ist blind für die sehr sichtbare Hand der politischen und militärischen Macht. Es geht um die Herrschaft über die bekannten Reserven und um Zugang zu vermuteten Ölfeldern, und es geht um die Fähigkeit, den Ölpreis zu beeinflussen und die Währung, in der er fakturiert wird. Der Irak ist deshalb interessant, weil er über 11 % der globalen Reserven, noch dazu von hoher Qualität verfügt.

... zum Krieg der Währungen

Die Herrschaft über die alten und neu hinzu kommenden Reserven macht freilich nur Sinn, wenn auch die Preisbildung kontrolliert werden kann. Zunächst kann die OPEC vergessen werden, wenn das größte Öl-Verbrauchsland, die USA, am Preishebel sitzt und nicht mehr die Förderländer und ihr Kartell. Der Preis des Öls kann nach oben geführt werden, um die Ausbeutung nicht-konventioneller Ölreserven, vom Ölsand und Ölschiefer bis zum Öl aus der Tiefsee und zu Gaskondensaten rentabel zu gestalten. Diese „nicht-konventionellen“ fossilen Energieträger sind ökologisch noch schädlicher als Förderung und Verbrauch des konventionellen Öls. Ein hoher Ölpreis könnte auch Voraussetzung für die Rentabilität jener Fördergebiete sein, die hohe Transportkosten aufweisen (Pipelines vom kaspischen Meer und von Kasachstan zu Häfen am Golf, am Mittelmeer oder am indischen Ozean) und hohe Kosten militärischer Sicherung der Transportwege verursachen. Nicht nur wegen der größeren Knappheit des Öls steigt der Preis, sondern auch aus geostrategischen Gründen. Für die USA wäre die Verteuerung des Öls nicht nur nachteilig. Denn teures Öl würde China und Japan und andere tatsächliche oder potentielle Konkurrenten der USA treffen. Auch das alte ebenso wie das neue Europa würden Nachteile haben, so lange das Öl in US-$ fakturiert wird. Die Kontrolle eines großen Teils des Angebotes auf den globalen Ölmärkten durch die USA würde dafür sorgen, dass die Ölrechnungen auch in Zukunft in US-$ ausgestellt werden. Das möglicherweise ist ein entscheidendes Motiv für die brutale Konsequenz, mit der der Irak unter US-Einfluss gebracht werden soll.

Märchen aus 1000 und 1 Nacht ...

Für die USA ist dies ein Märchen aus 1000 und 1 Nacht. Denn sie würden den Lebenssaft ihrer Ökonomie fast umsonst bekommen. Die Druckerei der Federal Reserve verwandelte sich in eine sprudelnde Ölquelle. Dollar können in jeder gewünschten Menge „gedruckt“ werden, um das Öl zu importieren. Die goldenen Zeiten des „twin-deficits“, die der US-Mittelklasse einen Konsumrausch in den 90er Jahren bescherten, ließen sich auch gegen die Miesmacher von der OECD fortsetzen, die von den US-Bürgern eine höhere Sparquote als die derzeit 3 % verlangen. Das Öl wäre sozusagen der Wertanker des US-$, eine multifunktionale Waffe in der Währungskonkurrenz, vor allem mit dem Euro.

... oder Supergau

Allerdings kann diese Strategie einer Inflationierung der Weltwirtschaft auch schief gehen. Die großen Ölfirmen würden zwar mitspielen. Denn der „Shareholder-value“ hängt von den Reserven ab, die die Firmen angeben können. Da kommt es durchaus zu Pass, wenn Ansprüche an die seit 1972 verstaatlichten und nach einem Krieg reprivatisierten irakischen Ölreserven durchgesetzt werden könnten. Private Profite, Aktienkurse und damit auch die Gehälter der Manager können steigen. Auch ein Teil der Rüstungsfirmen würde gewinnen. Doch verlieren nahezu alle anderen: Industriezweige, die nicht im Öl- und Rüstungsgeschäft engagiert sind, die Konsumenten, der Finanzsektor. Und sollte der Krieg nicht schnell zu Ende gebracht werden können, sondern länger dauern, dann kann es auch zu einer Flucht aus dem US-$ und mithin zu dessen Abwertung kommen. Das wäre der Super-Gau der Bush-Regierung. Das Öl würde nicht mehr in US-$, sondern beispielsweise in Euro fakturiert, oder der Preis würde wie 1973 abrupt steigen, sofern sich eine Gelegenheit wie damals der israelisch-arabische Krieg bietet. Bei einem Handelsbilanzdefizit der USA von an die 550 Mrd US-$ (2002) würde die Finanzierung von notwendigen Ölimporten in Fremdwährung für die USA ein nahezu unlösbares Problem, denn die eigene Produktion ist um jährlich ca. 300.000 Barrel rückläufig. Der Auseinandersetzung um das Erdöl, um die Herrschaft über Reserven und Preisbildung, folgt die Auseinandersetzung um die Währung, in der das Öl fakturiert wird. Die Währungskonkurrenz zwischen Dollar und Euro und Yen würde zum Währungskrieg eskalieren. Der derzeitige Konflikt zwischen „altem“ und „neuem“ Europa wird sich zuspitzen, und zwar in der Frontstellung zwischen den Mitgliedern von Euroland und den anderen Europäern. Spanien und Italien müssten wohl die Fronten zum „alten Europa“ wechseln.

Langfristig wird der Ölpreis unweigerlich steigen. Dabei stellt sich die Frage, in welcher Währung. Das ist ein Kern des Krieges um das schwarze Gold.

Vortrag, 12.2.2003 (gekürzt)

aus: guernica 1/2003