Geheimakte Racak |
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Geheimakte Racak von Jürgen Elsässer Die Bundesregierung hält die Autopsieprotokolle der 40 Racak-Leichen seit März 1999 unter Verschluß. Die KONKRET nun vorliegenden Kopien beweisen: Die Nato-Version eines serbischen Massakers an unschuldigen Zivilisten ist nicht haltbar. »In Racak hat vorgestern ein Massaker stattgefunden, bei dem 45 Albaner ermordet wurden. Der Nato-Rat war zu einer Sondersitzung zusammengetreten ... Intern erwägen wir Maßnahmen, um die Bereitschaft der Nato zum Handeln zu unterstreichen ... Nicht nur in Brüssel wächst die Zahl derer, die glauben, daß ein militärisches Engagement im Kosovo unausweichlich werden kann«, vermerkte Rudolf Scharping in seinem »Tagebuch« am 17. Januar 1999. Auch andere Entscheidungsträger führen den Kosovokrieg unmittelbar auf Racak zurück. »Natürlich war die Episode in Racak entscheidend für die Bombardierungen«, erklärte etwa William Walker, damaliger Chef der OSZE-Mission im Kosovo; für den deutschen Außenminister Joschka Fischer war Racak ein »Wendepunkt«, für seine US-amerikanische Amtskollegin Madeleine Albright ein »galvanisierendes Ereignis«. Die »Washington Post« faßte zusammen, Racak habe. »die Balkan-Politik des Westens in einer Weise geändert, wie Einzelereignisse dies selten tun«. Zweifel an der schnellen Schuldzuweisung an die Adresse der serbischen Sicherheitskräfte hatte es schon unmittelbar nach den Ereignissen gegeben, allerdings vor allem in Frankreich und nur vereinzelt in Deutschland. Dazu hatten insbesondere die Augenzeugenberichte des französischen Fernsehteams der Nachrichtenagentur AP sowie von »Le Monde« und »Figaro« beigetragen. Die serbische Polizei hatte das TV-Team eingeladen, die Umzingelung und Eroberung der UÇK-Hochburg an jenem Tag zu filmen. Sowohl die Kameraleute, die die Feuergefechte aus unmittelbarer Nähe verfolgten, als auch die Journalisten und OSZE-Verifikateure, die die Kämpfe von einem Hügel aus beobachteten, bemerkten nichts von dem, was am nächsten Tag Dorfbewohner gegenüber OSZE-Chef Walker behaupteten: daß die serbische Polizei gegen Mittag die Frauen im Dorf von den Männern getrennt, letztere auf einen Flügel geschleppt und dort exekutiert hätte. Als die Reporter und OSZE-Leute nach dem Ende der Kämpfe am Nachmittag Racak inspizierten, fanden sie nur einen toten und fünf verletzte Zivilisten. Die serbische Polizei behauptete ihnen gegenüber, insgesamt 15 UÇK-Kämpfer getötet zu haben. Warum aber wurden dann am Morgen des 16. Januar über 40 Leichen in bäuerlicher Arbeitskleidung, zum Teil in Rohrstiefeln, gefunden? Hatten die Beobachter einfach nicht bemerkt, wie etwa die ungefähr 20 Männer selektiert und dann außerhalb des Ortes hingerichtet wurden? »Le Monde«-Reporter Christoph Châtelot berichtete in der Ausgabe vom 21.1.1999, warum das nicht plausibel ist: »Wie hätte die serbische Polizei die Gruppe von Männern sammeln und ruhig zum Exekutionsplatz führen können, während sie ununterbrochen unter UÇK-Feuer lag? Wieso konnte der am Rande von Racak gelegene Straßengraben der Aufmerksamkeit der mit der Umgebung vertrauten Einwohner entgehen, die vor Einbruch der Nacht wieder in ihrem Dorf waren? Oder den OSZE-Beobachtern, die sich mehr als zwei Stunden in dem Ort aufhielten? Warum so wenig Patronen rund um die Leichen, so wenig Blut in jener Senke, wo doch angeblich 23 Menschen aus nächster Nähe mit einigen Kopfschüssen getötet worden sein sollen? Waren nicht eher die Körper der in den Kämpfen mit der Polizei getöteten Albaner in dem Graben zusammengetragen worden, um ein Horror-Szenario zu schaffen, das mit Sicherheit einen entsetzlichen Effekt auf die öffentliche Meinung haben würde?« In Deutschland war es unter den etablierten Medien einzig die »Berliner Zeitung«, die diesen Fragen nachging. Sie berichtete am 13. März 1999: »Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern liegen ... Erkenntnisse vor, wonach die Mitte Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenen 45 Albaner nicht einem serbischen Massaker an Zivilisten zum Opfer fielen. Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer ›Inszenierung durch die albanische Seite‹ aus. Zu diesem Ergebnis sei man auf der Basis der im Meldezentrum der Kosovo-Mission ausliegenden Daten gelangt, also unabhängig von der noch ausstehenden Expertise der finnischen Gerichtsmediziner. So seien ›die meisten der Toten aus einem weiten Umkreis um Racak zusammengeholt und am späteren Fundort abgelegt‹ worden. Die Mehrzahl der Albaner starb demnach in Kämpfen unter Beteiligung serbischer Artillerie. Vielen von ihnen sei ›nachträglich Zivilkleidung angezogen worden‹, so ein Vertreter der OSZE.« Diese Version erhielt weiteren Auftrieb durch Schmauchspurentests, die ein serbisch-weißrussisches Ärzteteam an den Leichen vornahm: Demnach hatten 37 der 40 Toten Pulverpartikel an den Händen, ein klares Zeichen für Schußwaffengebrauch ihrerseits. Diese Zweifel verstummten weitgehend am 17. März 1999. An diesem Tag legte eine Kommission finnischer Ärzte, die im Auftrag von FU-Kommission und OSZE die 40 Leichen aus Racak untersucht hatten, weil das serbisch-weißrussische Team als parteiisch galt, ihrerseits einen gerichtsmedizinischen Bericht vor. Selbst in der »Berliner Zeitung« hieß es danach bereits in der Überschrift des entsprechenden Artikels: »Tote von Racak waren Zivilisten«. Tatsächlich war der Bericht in einigen Passagen recht vage gewesen, so etwa in der Frage, ob alle Opfer zur selben Zeit getötet und ob die Leichen Post mortem noch transportiert worden waren. Doch am entscheidenden Punkt hatte er keinen Zweifel gelassen: »Es gab keine Hinweise, daß es sich bei den Betroffenen nicht um unbewaffnete Zivilpersonen handelte.« Zwar wurde der Terminus »Massaker« in dem Dokument explizit abgelehnt, da er nicht »in den Zuständigkeitsbereich des forensischen Teams« falle. Doch die von der Kommissionsvorsitzenden Helena Ranta gebrauchte Formulierung der Nürnberger Prozesse »crimes against humanity« war nicht weniger drastisch und heizte die Stimmung in den westlichen Staaten wenige Tage vor Kriegsbeginn weiter an. Das an jenem 17. März veröffentlichte Kurzkommunique' umfaßte nur fünf Seiten - die übrigen Ausarbeitungen und Unterlagen der finnischen Forensiker, laut »Berliner Zeitung« 21 Kilogramm schwer, nahm der damalige EU-Ratspräsident, der deutsche Außenminister Fischer, unter Verschluß. Nicht einmal die Regierungen der anderen FU-Mitgliedsländer scheinen informiert worden zu sein jedenfalls bestritt zumindest das niederländische Verteidigungsministerium, das Dossier bekommen zu haben. Nach über einem Jahr ist die Strategie der Geheimhaltung gescheitert: Neben der »Berliner Zeitung« ist mittlerweile auch KONKRET im Besitz von Kopien aller 40 Einzelautopsie-Protokolle der Racak-Leichen. Besonders viel journalistischen Aufwand hatte die Beschaffung nicht erfordert: An der medizinischen Untersuchung waren zu viele Leute beteiligt gewesen, weshalb sich die Anfertigung von Kopien der Schriftstücke nicht kontrollieren ließ (Kopien der Autopsiefotos und -videos sind nicht so einfach zu erstellen, deshalb sind davon auch noch keine aufgetaucht). Eher muß gefragt werden, wieso sich in den 16 Monaten seit den Ereignissen außer KONKRET nur noch die »Berliner Zeitung« um das Material bemüht hat. Das Interesse bei den Medien scheint nicht allzu groß zu sein. Nach Auswertung des vorliegenden Materials steht fest: Es gab keine »Hinrichtung« (Fischer), es gab keine »Verstümmelungen« (Walker), es gab keine Schüsse aus »extremer Nahdistanz« (Walker). Als unbewiesen muß ab sofort auch gelten, daß die Toten Zivilisten waren und daß sie alle in Racak getötet wurden. Damit ist der These vom »Massaker« die Grundlage entzogen. Zu den Punkten im einzelnen: · Besondere Grausamkeit: Die Opfer waren nicht verstümmelt oder enthauptet worden. Nur in einem Fall gibt es Spuren von stumpfer Gewalt im Gesicht eines Opfers. Die von Augenzeugen festgestellten »enthaupteten Leichen« gab es zwar tatsächlich, doch in beiden Fällen war der Kopf post mortem von Tieren abgerissen und weggeschleppt worden. Sämtliche Opfer starben durch Schußwunden. · Zivilisten oder Kombattanten: Unter den 40 Toten waren eine Frau und ein zehn- bis 15jähriger Junge (letzterer starb durch einen Fernschuß aus mindestens 500 Meter Entfernung, wie ein albanischer Augenzeuge der »Berliner Zeitung« berichtete). Zur Kongruenz der Einschußwunden im jeweiligen Körper und den Einschußlöchern in der Kleidung, wichtig für die Frage, ob die Toten aus- und umgezogen wurden, - wurden keine Feststellungen getroffen. Zur Klärung der Frage der Schmauchspuren an den Händen wurden keine Tests vorgenommen. In allen Fällen trägt das Protokoll den Zusatz: »Aufgrund der verifizierten Autopsie kann eine Kategorisierung der Todesursachen, wie sie von der Welt-Gesundheits-Organisation empfohlen wird, nicht erfolgen. Auf den Grundlagen der externen Untersuchungsergebnisse sind die möglichen Alternativen: krimineller Totschlag, Krieg oder unbestimmt.« · Nahexekutionen: Bei 39 der 40 untersuchten Leichen heißt es: »Es gab keinen Beweis für aufgesetzte Schüsse oder Schüsse aus kurzer Entfernung.« In einem Fall war eine von zwei Kugeln »aus relativ kurzer Distanz, jedoch nicht aus aufgesetzter Waffe« abgefeuert worden. · Exekutionen überhaupt: Wird durch ein Erschießungskommando exekutiert, müßten die Schußkanäle ungefähr parallel verlaufen. Die Autopsie erbrachte aber bei allen Leichen mit einer Vielzahl von Kugeln, daß diese aus völlig unterschiedlichen, zum Teil entgegengesetzten Positionen abgefeuert worden waren - eine typische Gefechtssituation. · Bestätigung der vorherigen Analysen: In sieben Fällen trägt das Protokoll den Zusatz: »Die Widersprüche zwischen den erhaltenen vorläufigen Informationen und den Ergebnissen der forensischen Autopsie können nur aufgelöst werden, wenn Informationen über die Todesumstände... ergänzt oder bewiesen werden.« Damit könnten Widersprüche zu der vorher weitverbreiteten »Massaker«-These gemeint sein. Offensichtlich hat die finnische Ärztekommission geduldet, daß wesentliche Fakten aus den Autopsieprotokollen in dem Kurzkommuniqué vom 17.3.1999 nicht oder völlig anders dargestellt wurden. In letzterem war etwa behauptet worden, die Kleidung der Toten sei »höchstwahrscheinlich weder gewechselt noch entfernt« worden, und die Schmauchspurentests seien negativ ausgefallen. Aus ersteren geht hervor, daß zu beiden Punkten keine Beweissicherung stattgefunden hat, die Frage »Zivilisten oder Kombattanten« also nicht geklärt wurde. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß die Untersuchung der Finnen bereits am 5. März veröffentlicht werden sollte, was dann aber mehrfach verschoben wurde, obwohl - oder weil? - »deren Kern Joschka Fischer, dem Ratspräsidenten der EU, bereits bekannt sein wird« (»Berliner Zeitung«). »Ob es ein Massaker war, will keiner mehr wissen«, titelte die »Welt« am 8. März 1999 und zitierte einen OSZE-Diplomaten mit den Worten: »Eine heiße Kartoffel ist dieser Bericht, keiner will ihn so richtig.« Währenddessen sickerten wohl Teile der Untersuchung durch und unterfütterten die eingangs zitierten »Erkenntnisse« von »hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern«, daß in Racak eine »Inszenierung durch die albanische Seite« stattgefunden habe. Als schließlich die Veröffentlichung eine Woche vor Kriegsbeginn erfolgte, gab der Bericht kaum noch Anhaltspunkte für die These von der »Inszenierung«. War da manipuliert worden? Zu den Verzögerungen teilte die finnische Pathologin jedenfalls mit, »daß das deutsche Außenamt die Verantwortung dafür übernommen hat«. Und über die Phase unmittelbar vor dem 17. März sagte sie an anderer Stelle: »Es gab natürlich Druck von verschiedenen Seiten ... Grundsätzlich habe ich in der Racak-Zeit meine Instruktionen vom deutschen Außenministerium bekommen. Botschafter Christian Pauls hat mich kurz vor der Pressekonferenz (am l7.3.1999, J. E.) instruiert ... Die ganze Situation war sehr delikat. Vielleicht kann ich eines Tages ganz offen darüber sprechen, wie das mit Racak war. Jetzt geht das aber nicht.« Nur Frau Ranta könnte erklären, warum sich Aussagen aus den Autopsieprotokollen nicht in dem Bericht vom 17. März 1999 finden lassen. Letzterer wird nämlich mit der einschränkenden Formulierung eingeleitet: »Die Kommentare geben die persönliche Meinung der Verfasserin Dr. Helena Ranta wieder und stellen keine autorisierte Mitteilung im Namen der Fachabteilung für forensische Medizin der Universität Helsinki oder des FU-Teams forensischer Experten dar.« Diejenigen, die Frau Ranta instruiert haben, passen derweil ihre alten Sprachregelungen den neuen Zweifeln an. »AA sieht eigene Haltung zu Toten von Racak bestätigt«, wußte die »Frankfurter Rundschau« Ende März 2000. Dann aber folgen Sätze aus dem Außenamt, die man bis dato von dort noch nie gehört hatte: »Denkbar sei, daß die Zivilisten zwischen die Linien von Serben und UÇK-Kämpfern gekommen waren oder daß die UÇK sie als Opfer ›instrumentalisierte‹ . « Weiter verweist das Außenministerium darauf, »daß die Bundesregierung im Unterschied zu den ›Vorverurteilungen‹ durch die USA nie von einem von Serben verursachten Massaker gesprochen habe ... Außenminister Joschka Fischer (Grüne) ... habe immer nur erklärt, ›alle verfügbaren Anzeichen‹ deuteten auf serbische Täter hin.« Und wenn es verfügbare Anzeichen gab, die nicht darauf hindeuteten, nahm er sie unter Verschluß - wie die Autopsieprotokolle der finnischen Ärztekommission. (KONKRET 5/00) |
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