OSZE-Vertreter: Kein serbisches Massaker in Racak

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OSZE-Vertreter widerlegen Walker

Von Roland Heine und Thomas Götz


Kurz vor Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen für den Kosovo am kommenden Montag in Frankreich wächst die Kritik am Chef der internationalen Beobachtermission in Pristina.

WIEN/ROM/HELSINKI/BERLIN, 12. März. Der Leiter des OSZE-Beobachtermission im Kosovo, der US-Amerikaner William Walker, soll nach dem Willen mehrerer europäischer Staaten möglichst schnell abgelöst werden. Wie die "Berliner Zeitung" im Vorfeld der Pariser Kosovo-Konferenz aus OSZE-Kreisen in Wien erfuhr, verlangen unter anderem Deutschland, Italien und Österreich, daß Walker seinen Posten räumt. Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern liegen diesen Quellen zufolge Erkenntnisse vor, wonach die Mitte Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenen 45 Albaner nicht wie von Walker behauptet einem serbischen Massaker an Zivilisten zum Opfer fielen.

Tote wurden plaziert

Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer "Inszenierung durch die albanische Seite" aus. Zu diesem Ergebnis sei man auf Basis der im Meldezentrum der Kosovo-Mission vorliegenden Daten gelangt, also unabhängig von der noch ausstehenden Expertise des finnischen Teams unter Leitung der Gerichtsmedizinerin Helena Ranta. So seien "die meisten der Toten aus einem weiten Umkreis um Racak zusammengeholt und am späteren Fundort abgelegt" worden. Die Mehrzahl der Albaner starb demnach in Kämpfen unter Beteiligung serbischer Artillerie. Vielen von ihnen "sei nachträglich Zivilkleidung angezogen worden", so ein Vertreter der OSZE.

Diese Erkenntnisse entsprechen der serbischen Version des Geschehens von Racak. Danach wurden die gefundenen Albaner in Kämpfen zwischen der Kosovo-Befreiungsarmee UCK und serbischen Einheiten getötet, das Bild eines Massakers jedoch erst nachträglich von albanischer Seite arrangiert.

Kritisiert wird Walker, der öffentlich an der Massaker-Version festhält, auch für seinen "selbstherrlichen" Führungsstil und seine Medienauftritte. Das von Walker nach Racak geholte, übergroße Journalistenaufgebot "hat sich am Fundort so ausgetobt, daß viele Spuren vernichtet wurden", beklagt ein westeuropäischer OSZE-Vertreter. Als Kandidaten der Europäer für die Walker-Nachfolge gelten der ehemalige OSZE-Generalsekretär Wilhelm Höynck aus Deutschland sowie Chris Patten, letzter britischer Gouverneur in Hongkong.

Expertise zurückgehalten

Die Übergabe des in EU-Auftrag erstellten Racak-Untersuchungsberichtes durch das finnische Expertenteam soll nach mehrfacher Verschiebung nun am 17. März erfolgen. Dies bestätigte die finnische Gerichtsmedizinerin Helena Ranta am Freitag noch einmal gegenüber der "Berliner Zeitung". Ob die Expertise nach der Überstellung an die deutsche EU-Ratspräsidentschaft jedoch auch umgehend veröffentlicht wird, vermochte Ranta nicht zu sagen. Der seit Monatsanfang inhaltlich fertiggestellte Bericht war innerhalb der EU unter Berufung auf Verfahrensfragen zurückgehalten worden.

Der Fall Racak hatte zu Jahresbeginn zur bislang gefährlichsten Zuspitzung der Kosovo-Krise geführt. In den Tagen nach der Erklärung Walkers, serbische Einheiten hätten albanische Zivilisten massakriert, forcierte die Nato die Vorbereitung von Luftschlägen.

In: Berliner Zeitung, 13. 3. 1999

 

Europäer drängen Chef der Kosovo-Mission zum Rücktritt

OSZE-Vertreter: Kein serbisches Massaker in Racak

WIEN/BERLIN/BRÜSSEL/BELGRAD, 12. März. Der umstrittene Missionschef der OSZE im Kosovo, der amerikanische Diplomat William Walker, soll nach dem Willen mehrerer europäischer Staaten umgehend sein Amt aufgeben. Wie die "Berliner Zeitung" aus Kreisen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in Wien erfuhr, fordern unter anderen Deutschland, Italien und Österreich, daß Walker zurücktritt.

Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern liegen diesen Quellen zufolge Erkenntnisse vor, wonach die am 16. Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenden 45 Albaner nicht, wie von Walker behauptet, während eines serbischen Massakers an Zivilisten starben. Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer "Inszenierung durch die albanische Seite" aus. Als Kandidaten der Europäer für seine Nachfolge gelten der ehemalige OSZE-Generalsekretär Wilhelm Höynck aus Deutschland sowie Chris Patten, letzter britischer Gouverneur in Hongkong.

Iwanow in Belgrad erfolglos

William Walker kritisierte am Freitag nach Gesprächen mit dem Nato-Rat in Brüssel die zunehmende jugoslawische Truppenpräsenz und das Ausmaß der Waffenstillstandsverletzungen im Kosovo. Nach den Worten des Leiters der OSZE-Beobachter in der südserbischen Albaner-Provinz verstoße auch die Untergrundarmee UCK vorsätzlich gegen die Waffenruhe. Die Kommandeure der UCK haben am Freitag ihre Zustimmung zum Friedensabkommen der internationalen Balkankontaktgruppe erklärt.

Der russische Außenminister Igor Iwanow teilte nach einem Gespräch mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic am Freitag in Belgrad mit, er habe ihn nicht dazu bewegen können, dem Kosovo-Friedensplan der Balkankontaktgruppe zuzustimmen. Milosevic lehne die Stationierung einer internationalen "Militär- oder Polizeitruppe" weiterhin "entschieden und definitiv" ab, sagte Iwanow nach Angaben der russischen Nachrichtenagenturen.

Die Nato bekräftigte am Freitag ihre Drohung mit Luftangriffen auf Ziele in Jugoslawien, sollte die Regierung in Belgrad nicht einlenken. Der Nato-Befehlshaber in Europa, General Wesley Clark, sagte, für einen solchen Einsatz stehe eine gewaltige Luftstreitmacht bereit. Das US-Repräsentantenhaus stimmte am Donnerstag der Teilnahme von 4 000 amerikanischen Soldaten an einer 28 000 Mann starken Nato-Friedenstruppe zu.

Die EU-Außenminister werden am Sonnabend, zwei Tage vor Beginn der neuen Runde der Friedensverhandlungen in Rambouillet, im hessischen Reinhartshausen über die Lage im Kosovo beraten. Am Sonntag wird sich die internationale Balkankontaktgruppe in Paris treffen. (mit Reuters, dpa, AP, AFP)

in: Berliner Zeitung, 13. 3. 1999

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