Zweierlei Massacker |
||
|
Zweierlei Massaker? Wie ein US-Diplomat im Kosovo-Dorf Racak den Dritten Weltkrieg auslösteJürgen Scheffran* "Das Hinschlachten von Zivilisten durch die Serben im Januar in Racak erforderte eine deutliche Reaktion des Westens. Alle Analysen deckten sich in dem Befund, daß ohne Reaktion die Serben glauben würden, sie hätten nun freie Bahn für ihre Vertreibungs- und Vernichtungspolitik." (Ludger Volmer, Staatsekretär im Auswärtigen Amt)[1] Am Morgen des 16. Januar 1999 entdeckten Beobachter der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) in der Nähe des Kosovo-Dorfes Racak, 30 Kilometer südlich von Pristina, mehr als 40 Leichen: "Die OSZE-Überprüfer zählten am Samstag 45 Leichen, die in Häusern, Gärten und Bachläufen lagen. Viele von ihnen waren offenbar aus nächster Nähe erschossen worden, und mehrere waren verstümmelt. Bei den Opfern handelte es sich nach den vorliegenden Meldungen vorwiegend um Zivilisten, die meisten Männer, aber auch drei Frauen und ein Kind. Der Chef der OSZE-Mission in Kosovo, William Walker, erklärte nach einem Augenschein, es handle sich um ein Massaker an unbewaffneten Zivilisten, um eine unerhörte Grausamkeit, um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für das eindeutig die Sicherheitskräfte der Regierung die Verantwortung trügen. Nach einer Meldung des albanischen Informationszentrums Kosovo waren allerdings acht der Getöteten Mitglieder der Befreiungsarmee Kosovo."(NZZ 18.1.1999) Serbische Offizielle bestritten den Vorwurf Walkers vehement und behaupteten, die UCK habe gefallene Kämpfer der UCK zusammengetragen. Belgrad warf Walker vor, wie ein "Staatsanwalt und Richter zugleich" zu handeln und "Terroristen" zu unterstützen, und forderte ihn auf, sofort das Land zu verlassen. Die Empörung westlicher Politiker und Medien über das "Massaker von Racak" und die Ausweisung Walkers brachten den Umschwung für einen Militärschlag gegen Jugoslawien. Das von Walker selbst in der Woche zuvor noch positiv gezeichnete Bild, durch die OSZE-Mission habe eine "humanitäre Katastrophe" vermieden werden können, versank auf dem Leichenfeld von Racak. Unter Ausnutzung der öffentlichen Entrüstung setzten sich in den NATO-Staaten die Hardliner durch, um ihren Kreuzzug gegen das barbarische Milosevic-Regime zu eröffnen. Allen voran zückte US-Außenministerin Madeleine Albright das Schwert. Just am 15. Januar war sie bei einer Lagebesprechung im Weißen Haus noch mit ihrer Forderung nach einer raschen Militärintervention im Kosovo gescheitert:[2] "Am Freitag, einen Tag bevor das Massaker bekannt wurde, warnte Außenministerin Albright, daß das zerbrechliche Kosovo-Abkommen, das im vergangenen Herbst vom Unterhändler Richard Holbrooke ausgehandelt wurde, kurz vor dem Scheitern stand...Albright erzählte dem Weißen Haus, dem Pentagon und anderen Behörden, daß die Administration an einem `Entscheidungspunkt' im Kosovo stehe." Wie rasch diese prophetisch klingenden Worte Realität wurden, überraschte selbst die Washington Post: "Eine Rekonstruktion der Entscheidungsprozesse in Washington und Brüssel, dem NATO-Hauptquartier, zeigt, daß Racak die westliche Balkanpolitik in einem Maße verändert hat, wie dies einzelne Ereignisse selten tun."(WP 18.4.99) Racak, sagt auch der deutsche Außenminister Joseph Fischer, war "für mich der Wendepunkt".[3] Der Versuch, vor dem angedrohten Militärschlag unter Zeitdruck zu verhandeln, führte zu dem Debakel von Rambouillet, wo die USA mit ihrem Versuch scheiterten, Kosovo zu einem Protektorat zu machen und eine NATO-Truppe in ganz Jugoslawien zu stationieren. Die entscheidende Funktion sollte eben jener William Walker bekommen, der das Massaker von Racak entdeckt hatte, wie die Neue Zürcher Zeitung am 8. März berichtete: "Der Vertragsentwurf von Rambouillet sieht in seiner letzten Fassung vom 23. Februar de facto die Errichtung eines Protektorats in Kosovo vor. Dessen oberster Chef ist der OSZE-Chef in Pristina, also der Amerikaner William Walker; er erhält umfassende Befugnisse. Die Durchsetzung seiner Beschlüsse wird mit der Stationierung einer wuchtigen Nato-Streitmacht - die Rede ist von gegen 30.000 Mann - sichergestellt. Der Plan trägt die Handschrift Washingtons, das seinen Führungsanspruch im Balkan stets unterstreicht." Walker, der in den achtziger Jahren als US-Botschafter in Honduras und El Salvador hinreichend Erfahrungen mit Massakern sammeln konnte, scheint seine neue Rolle zu genießen. Nach einem Bericht der Los Angeles Times vom 14. April über seine große Popularität unter Kosovo-Flüchtlingen schlägt er der Zeitung als Titel vor: "Ehemaliger Trägerjunge der Times startet Weltkrieg III im Kosovo".[4] Die umstrittenen Ereignisse von Racak und das gespaltene Verhältnis Walkers zu Menschenrechtsfragen werden im folgenden dokumentiert.[5] Es geht dabei nicht um den Nachweis, daß es sich in Racak nicht um ein serbisches Massaker gehandelt hat und auch nicht um Verschwörungstheorien, sondern um Widersprüche, die der Klärung bedürfen. Der Streit um Racak Über das, was in Racak am 15. Januar geschah, liegen widersprüchliche Angaben vor. Klar ist, daß an diesem Tag in der Region Kämpfe zwischen serbischen Einheiten und der UCK stattfanden: "Bei Racak hatten kosovo-albanische Widerstandskämpfer vor einer Woche einen Überfall auf eine Polizeipatrouille verübt; dabei wurde ein serbischer Polizist getötet. Serbische Stellen meldeten, die Polizei sei ausgerückt, um in dem Dorf nach Kämpfern zu suchen. Dabei sei sie unter Beschuss aus Granatwerfern und Maschinengewehren gekommen. Sie habe das Feuer erwidert und mehrere Dutzend albanische `Terroristen' getötet. Nach albanischen Quellen wurde das im Sommer stark zerstörte Dorf mit 240 Häusern am Donnerstag abend umzingelt und am Freitag morgen mit Granaten beschossen. Der Infanterievorstoss folgte am Freitag nachmittag. Mehrere Männer wurden gefangengenommen; eine Gruppe von ihnen wurde abgeführt und auf einem Hügel exekutiert. Andere Dorfbewohner wurden auf der Flucht erschossen. In der Stube eines Hauses wurden angeblich 24 Leute erschossen."(NZZ 18.1.99) Diese Darstellung wird durch Zeugenaussagen erhärtet, die von Journalisten und Menschenrechtsorganisationen zusammengetragen wurden:[6] "Dorfbewohner sagten, daß die Polizei das Dorf gegen 9 Uhr morgens betreten habe. Nach ihren Aussagen habe es Schüsse und etwas Artilleriefeuer bis 16 Uhr gegeben.Um 16.30 hatte die Polizei das Dorf verlassen. [...] Gegen 13 Uhr führte die Polizei 23 Männer von Osmanis Grundstück fort. [...] Zeugenaussagen und Beweisstücke, die am Fundwort von Journalisten entdeckt wurden, machen klar, daß die meisten dieser Männer, die keinen Widerstand ausübten, aus kurzer Entfernung erschossen wurden. Einige wurden offenkundig erschossen, während sie versuchten zu fliehen." Zeugen berichteten, die Truppen hätten über Funk Befehle von Vorgesetzten erhalten. Einige dieser Funkgespräche seien von den USA abgehört worden, berichtete die Washington Post am 28.1. Den Zeugen zufolge seien die ersten OSZE-Beobachter am Nachmittag des 15.1. in Racak eingetroffen, ohne jedoch von dem Massaker etwas zu bemerken. Mit Einbruch der Dunkelheit zogen sie wieder ab. Am nächsten Morgen, nachdem die UCK das Dorf in der Nacht wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatte, wurden die Leichen entdeckt. Walker traf gegen 13 Uhr, eskortiert von der UCK, am Fundort ein und beschuldigte vor den laufenden Kameras die Serben, ohne eine weitere Untersuchung abzuwarten. Die OSZE schloß sich der Darstellung an.[7] "Ein hohes Mitglied der OSZE-Überwachungsmission in Kosovo, Bernd Borchardt, sagte, 23 auf einer Hügelkuppe gefundene Leichen hätten keine Uniformen getragen. Es hätten keine Waffen herumgelegen; auch habe es am Fundort keine Spuren von Kämpfen gegeben. Es habe sich um eine klassische Hinrichtung gehandelt."(NZZ 19.1.99) Zweifel wurden jedoch nicht nur von serbischer Seite geäußert (die keine Gelegenheit zur Spurensicherung erhielt), sondern auch in französischen Tageszeitungen. DIE WELT faßt diese am 22.1.99 zusammen: "Waren die Toten von Racak im Kosovo Opfer eines Massakers der Serben - oder sind die Leichen Teil eines makabren Schaustücks der Untergrundarmee UCK geworden, um den Westen zum Eingreifen zu bewegen? In der britischen und französischen Presse machen derartige Spekulationen derzeit die Runde. Der Kosovo-Krieg wird immer mehr auch zur Propagandaschlacht. Den Berichten zufolge könnten die unstrittig kosovo-albanischen Toten Opfer der Gefechte eines ganzen Tages sein - in der Nacht zusammengetragen und in dem Hohlweg oberhalb von Racak von UCK-Kämpfern `fotogerecht' zu einem Haufen von mehr als 40 Leichen arrangiert. Die französischen Tageszeitungen `Le Monde' und `Le Figaro' sowie der britische `Guardian' stützen diese in Frageform gekleidete Spekulation auf Indizien vor Ort und auf Hinweise aus dem OSZE-Team, das die Toten derzeit untersucht. Ein Kamerateam des TV-Ablegers der Nachrichtenagentur AP habe während der Gefechte um und in Racak den ganzen fraglichen Freitag vergangener Woche gefilmt, schreibt der `Figaro'. Die Aufnahmen gäben jedoch keinen Hinweis auf ein Massaker. Außerdem habe das serbische Polizeikommando selbst das TV-Team und OSZE-Beobachter von der Aktion gegen das Dorf vorab informiert und bereits am Nachmittag eine Pressemitteilung zum erfolgreichen Kampf gegen die `UCK-Terroristen' in Racak herausgegeben. Laut `Figaro' hätten zudem zwei OSZE-Fahrzeuge mit amerikanischen Nummernschildern den ganzen Tag auf einem Hügel oberhalb von Racak gestanden, von wo aus das Dorf gut zu überblicken sei - nicht aber der 500 Meter entfernte Hohlweg, in dem am nächsten Morgen UCK-Kämpfer herbeigerufenen Journalisten und OSZE-Mitarbeitern den Leichenberg gezeigt hätten." Renaud Girard hatte am 20.1.99 in "Le Figaro" William Walker "unangemessene Eile" bei der Verurteilung der Serben vorgeworfen und einen auf Filmmaterial gestützten Ablauf der Ereignisse am 15. Januar vorgelegt, der die offizielle Darstellung in Zweifel zieht. Danach hätten die Beobachter wie auch die Journalisten noch am späten Nachmittag bei einem Besuch des Dorfes keine besonderen Vorkommnisse bemerkt. Diese Darstellung stimmt weitgehend überein mit jener von Christophe Chatelot am 21.1.99 in "Le Monde". DIE WELT geht am 22.1.99 in ihren Spekulationen noch weiter: "Andere Opfer jedoch seien offenbar nicht an Ort und Stelle getötet worden, zitiert der `Guardian' einen OSZE-Mitarbeiter. Schleifspuren und Spuren von Blut oder Gehirnmasse ließen darauf schließen, daß die Leichen aus der Umgebung herbeigeschafft worden seien. Wenn das stimmt, liegt der Schluß nahe, die UCK habe aus der militärischen Niederlage von Racak einen politischen Sieg machen wollen. Auch im Bosnien-Krieg hatten mehrere Massaker und ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung gerichtete Angriffe den Westen nach langem Zögern zum Eingreifen bewogen - zur Rettung der von den Serben angegriffenen bosnischen Moslems. In mindestens einem Fall jedoch war es offenbar eine bosnisch-moslemische Granate, die auf einem belebten Marktplatz mehrere Dutzend moslemische Zivilisten tötete. Der Vorfall wurde nie restlos aufgeklärt." Nachdem die Leichen abtransportiert und in einer Moschee zusammengetragen worden waren, besetzte die serbische Polizei Racak erneut und transportierte die Leichen nach Pristina. Dort wurde mit der Obduktion durch jugoslawische und weissrussische Gerichtsmediziner begonnen. Nach ihrer Ansicht seien die tödlichen Wunden durch Schußwaffen aus großer Distanz abgefeuert worden. Erst nach Eintritt des Todes seien weitere Schüsse aus der Nähe und Schnittwunden hinzugefügt worden. Bei einigen Körpern sei die Kleidung gewechselt worden. Nach Aussagen des weißrussischen Gerichtsmediziners Kuzmicov habe es ``kein Massaker in Racak'' gegeben.[8] Die Europäische Union beauftragte ein finnisches Team unter Leitung von Helena Ranta mit der Durchführung forensischer Untersuchungen. Die Fertigstellung und Übergabe des Berichts wurde bereits Anfang Februar erwartet, doch mehrfach verschoben, was zu weiteren Spekulationen führte. "Ob es ein Massaker war, will keiner mehr wissen" schreibt DIE WELT vom 8.3.1999. "Eine heiße Kartoffel ist dieser Bericht", sagt ein OSZE-Diplomat in Wien gegenüber DIE WELT, "keiner will ihn so richtig." Und: "Angesichts der andauernden Bemühungen, die Konfliktparteien zur Unterzeichung eines Abkommens zu bringen, ist niemand interessiert zu erfahren, was tatsächlich in Racak geschah". Helena Ranta rechtfertigte die Verzögerung damit, "daß das deutsche Außenamt die Verantwortung dafür übernommen hat, ob der Untersuchungsbericht veröffentlicht wird oder nicht".(BZ 9.3.99) Zunehmend geriet auch William Walker in der OSZE unter Beschuß: "William Walker, soll nach dem Willen mehrerer europäischer Staaten möglichst schnell abgelöst werden. Wie die `Berliner Zeitung' im Vorfeld der Pariser Kosovo-Konferenz aus OSZE-Kreisen in Wien erfuhr, verlangen unter anderem Deutschland, Italien und Österreich, daß Walker seinen Posten räumt. Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern liegen diesen Quellen zufolge Erkenntnisse vor, wonach die Mitte Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenen 45 Albaner nicht wie von Walker behauptet einem serbischen Massaker an Zivilisten zum Opfer fielen. [...] Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer `Inszenierung durch die albanische Seite' aus. [...] Kritisiert wird Walker, der öffentlich an der Massaker-Version festhält, auch für seinen `selbstherrlichen' Führungsstil und seine Medienauftritte. Das von Walker nach Racak geholte, übergroße Journalistenaufgebot `hat sich am Fundort so ausgetobt, daß viele Spuren vernichtet wurden', beklagt ein westeuropäischer OSZE-Vertreter."(BZ 13.3.99) Die Pressekonferenz, die am 17. März anläßlich der Übergabe des Berichts an die serbischen Behörden in Pristina stattfand, ließ wesentliche Fragen offen. Der 21 Kilo wiegende Bericht selbst wurde nicht veröffentlicht, auch keine zusammenfassende Expertise. Statt dessen verlas Helena Ranta lediglich eine Erklärung, die als persönlicher Kommentar zu sehen ist, aber "keine autorisierte Mitteilung im Namen der Fachabteilung für forensische Medizin der Universität Helsinki oder des EU-Teams forensischer Experten'' darstellt. Am gleichen Tag wurde eine deutsche Übersetzung vom Außenamt präsentiert.[9] Nur wenige Sätze befassen sich mit dem Ergebnis der Untersuchung selbst und sind zudem vorsichtig formuliert: "Die Autopsieergebnisse (z.B. Einschußlöcher, koaguliertes But) und die Fotos vom Schauplatz lassen den Schluß zu, daß Kleidungsstücke höchstwahrscheinlich weder gewechselt noch entfernt wurden. Einigen Opfern sind jedoch die Schuhe ausgezogen worden, möglicherweise bevor die Toten in die Moschee gebracht wurden. Unter den autopsierten Personen waren mehrere ältere Männer und nur eine Frau. Es gab keine Hinweise, daß es sich bei den Betroffenen nicht um unbewaffnete Zivilpersonen handelte." Die von Beobachtern gefundenen 22 Männer seien "höchstwahrscheinlich am Fundort erschossen" worden. An den Händen der Opfer konnten dem Bericht zufolge keine chemischen Rückstände entdeckt werden, die auf einen Waffengebrauch schließen ließen. Der von serbischen Behörden als "Beweis" angeführte Paraffintest sei nicht zuverlässig und daher nicht mehr in Gebrauch. Der Bericht macht keine Aussagen über Todesumstände der Opfer oder mögliche Täter und kann aufgrund des medizinischen Sachverhalts auch nicht sagen, ob es ein "Massaker" war (wohl aber ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"). Ausführlich werden die schwierigen Bedingungen der Untersuchung hervorgehoben und auch Kritik an der fehlenden Beweissicherung am Fundort geäußert: "Normalerweise würde man bei einem mutmaßlichen Verbrechen als ersten entscheidenden Schritt die Absperrung des Gebiets und das Verbot des Zutritts von Unbefugten erwarten.[...] Im Fall Racak geschah nichts von alledem oder nur teilweise bzw. unsachgemäß. Daher sind möglicherweise wichtige Informationen vor Ort verloren gegangen." Während für einige Zeitungen der finnische Bericht nur "vage Antworten" gegeben habe (FR 18.3.99) und sowohl die Serben, als auch die Kosovo-Albaner mit dem Ergebnis unzufrieden waren, sahen die meisten westlichen Medien in der Erklärung einen klaren Beweis für ein serbisches Massaker. So berichtete die Washington Post bereits vor der Pressekonferenz: "Ein unabhängiger forensischer Bericht [...] kam zu dem Ergebnis, daß es sich bei den Opfern um unbewaffnete Zivilisten handelte, die in einem organisierten Massaker exekutiert wurden; einige wurden gezwungen niederzuknien, bevor sie mit Gewehrkugeln beschossen wurden, sagen westliche Quellen, die mit dem Bericht vertraut sind." (WP 17.3.99) Die angesprochenen Quellen wurden bislang nicht genannt. Entsprechend verfährt auch der Kosovo-Sonderbeauftragte der EU, Wolfgang Petritsch, acht Wochen nach Übergabe des Ranta-Berichts (DIE ZEIT, 12.5.99): "Vergangene Woche ist er aus Helsinki nach Wien zurückgekehrt. Finnische Forensiker haben zum wiederholten Mal die Opfer aus Racak untersucht, von denen Belgrad behauptet hatte, es seien Kämpfer der UCK gewesen.[...] Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine geplante Mordtat an 45 Menschen allesamt von der Seite oder von vorne erschossen, manche enthauptet.[...] Aber die Europäische Union zögert bis heute, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Immer noch ist die Sache brisant. Man fürchtet, eine neuerliche Verurteilung der Serben könnte einen Friedensschluß mit Milosevic erschweren." Abgesehen davon, daß die "Opfer aus Racak" bereits im Februar beerdigt wurden, ist es seltsam, daß dieselben Politiker, die wochenlang bemüht sind, den NATO-Einsatz durch immer neue serbische Greueltaten zu rechtfertigen, ohne diese hinreichend belegen zu können, ein umfangreiches Beweisdokument monatelang mit der Begründung zurückhalten, dies würde die Serben zu sehr belasten. Um weiteren Spekulationen vorzubeugen, sollte die EU die wesentlichen Untersuchungsergebnisse unverzüglich veröffentlichen. William Walkers Widersprüche Nicht immer hatte es William Graham Walker so eilig, die Schuldigen eines Massakers zu benennen. Der 1935 geborene "erfahrene amerikanische Karrierediplomat" verbrachte den Großteil seiner fast 40jährigen diplomatischen Karriere in Mittel- und Südamerika. Unter anderem war er von 1988 bis 1992 US-Botschafter in El Salvador. Weitere hohe diplomatische Posten bekleidete er in Brasilien, Honduras, Peru, Bolivien, Japan und Panama. Von 1985 bis 1988 war er zudem stellvertretender Unterstaatssekretär im US-Außenministerium. Seit Mitte 1997 ist Walker auf dem Balkan im Einsatz, 1998 wurde er von den USA gegenüber den Europäern als Chef der OSZE-Mission durchgesetzt. In den frühen achtziger Jahren wurde Walker stellvertretender Missionschef in Honduras, als die CIA mit argentinischen Militärberatern eine Contra-Armee gegen das von Sandinisten regierte Nicaragua aufbaute. 1994 untersuchte eine Wahrheitskommission die von Honduras verübten politischen Morde und klagte Militäroffiziere an, die am verdeckten Krieg der CIA teilnahmen. Offenkundig unterstützte Walker die Contras[10] und war gemeinsam mit Oliver North und seinem Vorgesetzten Elliott Abrams tief in die Iran-Contra-Affäre verstrickt (etwa bei der Abwicklung der Geheimoperation über die Luftwaffenbasis Ilopango), wie aus dem offiziellen Untersuchungbericht vom August 1993 hervorgeht.[11] Im US-Kongreß setzte sich Walker vergeblich für die Lieferung von Kampfflugzeugen an Honduras ein. 1987/1988 scheiterte Walker bei dem Versuch, den Militärmachthaber von Panama, General Noriega, zum Rücktritt zu bewegen, nachdem dieser in der US-Regierung in Ungnade gefallen war, u.a. wegen Kontakten zu Kuba. Während William Walker Botschafter in El Salvador war, tobte ein Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und der linksgerichteten Farabundo Marti National Liberation Front (FMLN). Im Verlauf der Kämpfe kamen mehr als 70.000 Menschen ums Leben, der größte Teil Zivilisten, die von Regierungstruppen und paramilitärischen Todesschwadronen getötet wurden. Der Bericht der UNO-Wahrheitskomission kam 1993 zu dem Ergebnis, daß die Armee El Salvadors für umfangreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sei; eine große Zahl der Täter sei in der School of the Americas (SOA) in den USA ausgebildet worden. Deklassifizierte Dokumente der US-Regierung bestätigten, daß die Reagan-Administration von der Verantwortlichkeit der Armee für viele der schlimmsten Greuel wußte, sie jedoch vor dem Kongreß und der Öffentlichkeit verheimlichte.[12] Der UNO-Bericht rückt William Walker und andere US-Diplomaten in ein schlechtes Licht. So wurde der mutmaßliche Drahtzieher der Ermordung von Erzbischof Romero im Jahr 1980, Roberto d'Aubuisson, von Walker wie auch von Abrams in Schutz genommen, obwohl unabweisbare Belege für seine Mittäterschaft vorlagen. Während die CIA d'Aubuisson 1981 als "egozentrisch und rücksichtslos" beurteilte und die Washington Post ihn 1994 einen "gemeinen Killer" nennt, erkannte Walker noch 1989 in ihm einen "Demokraten" und einen der "besten Politiker" El Salvadors.(WP 21.3.93) Daß Verharmlosungen von US-Verbündeten in den achtziger Jahren die Regel waren, belegt auch das Massaker von El Mozote, wo im Dezember 1981 etwa 800-900 Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden, nach Ansicht der UNO-Komission durch das von den USA-trainierte Atlacatl-Battalion. Obwohl auch hierzu genügend Indizien vorlagen, stritt Abrams dies ab. Bei einen Anschlag der FMLN im Jahr 1985, bei dem vier Soldaten der US-Marines in einem Straßencafe ums Leben kamen (Zona Rosa Morde), scheute sich Walker nicht, dem geständigen Täter, Pedro Antonio Andrade, Strafaussetzung anzubieten, wenn er wichtige Informationen preisgebe. Obwohl Walker dies später abstritt, kam die Wahrheit 1997 ans Licht, als Angehörige der Soldaten den Aufenthalt Andrades in den USA ausfindig machten.(WP 22.5.97) Besonders fragwürdig war Walkers Rolle bei der Behinderung der Aufklärung der Ermordung von zwei Frauen und sechs Jesuitenpriestern, die in der Nacht zum 16. November 1989 von Soldaten des Atlacatl-Battalions aus ihren Betten geholt und exekutiert wurden. Obwohl die Indizien auf die Führung der salvadorianischen Armee hinwiesen, versuchte Walker zunächst, die Verantwortung der FMLN anzulasten, obwohl ein CIA-Agent kurz nach der Tat zu anderen Erkenntnissen gelangt war. Walker wurde von Kirchenführern beschuldigt, die einzige Zeugin des Verbrechens rechtswidrig festgehalten und unter psychischen Druck gesetzt zu haben, um ihre Aussage zu beeinflussen.[13] In internen Telegrammen an das State Department warnte Walker Außenminister James A. Baker, daß die USA den Fortschritt in El Salvador "nicht durch frühere Tote behindern sollten, wie abscheulich dies auch immer sei." Als die Kritik an den Jesuitenmördern zunahm, ging Walker nach Washington, um dem Verfahren gegen die Armee El Salvadors entgegenzutreten. Bis zuletzt verteidigte Walker Rene Emilio Ponce, den von den USA begünstigten Generalstabschef der Armee El Salvadors, der nach dem Bericht der UNO-Komission und deklassifizierten Telegrammen die Hauptverantwortung für das Jesuiten-Massaker trug.(WP 5.4.94) Anläßlich einer Pressekonferenz nennt die Washington Post am 19.12.89 Walker angesichts seiner positiv gefärbten Darstellung "Ambassador Sunshine". Gereizt reagierte Walker auf Nachfragen zu Fehlern beim Jesuiten-Massaker: "In Situationen wie diesen gibt es Management-Probleme.[...] Ich meine, dies ist Krieg. Es ist Kampf, es ist Tod." Die Zeitschrift "Covert Action", die sich um die Aufdeckung von Geheimdienstoperationen bemüht, schreibt in ihrer jüngsten Ausgabe:[14] "Als US-Botschafter in El Savador beaufsichtigte und duldete Walker einer der brutalsten Unterdrückungs- und Mordaktionen in der westlichen Hemisphäre." Resumee William Walker repräsentiert in personam die Widersprüchlichkeit der Menschenrechtspolitik der USA, die immer, wenn es eigenen Interessen dient, großzügig über Menschenrechtsverletzungen hinwegsieht, aber die von Gegnern scharf angreift und sogar zum Anlaß von Kriegen nimmt. Sicherlich beweist die Tatsache, daß William Walker in den achtziger Jahren Menschenrechtsverletzungen in Mittelamerika gedeckt bzw. geduldet hat und es dabei mit der Wahrheit oft nicht sehr genau nahm (wovon er heute nichts mehr hören will)[15], nichts über seine Rolle beim Racak-Massaker. Ein geeigneter Kronzeuge für Menschenrechte ist er wohl kaum, zumal er durch sein hastiges Auftreten in Racak zur Verschleierung von Beweisen beigetragen hat und die für OSZE-Beobachter wichtige Neutralität verletzte. Er wäre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für den Posten eines "Gouverneurs" in einem Kosovo-Protektorat. Wie doppelbödig die Politik der USA und der NATO in Menschenrechtsfragen auch weiterhin ist, wird nicht nur dadurch belegt, daß weiterhin undemokratische Regime unterstützt und bestimmte Menschenrechte ausgeblendet bzw. durch die eigene Politik unterminiert werden, sondern auch durch die Bereitschaft, Menschen im Namen der Menschlichkeit zu töten, wie im Jugoslawienkrieg täglich vorexerziert. Nach sieben Wochen Bombenkrieg ist Jugoslawien um dutzende von Racaks reicher. In nur einem Tag des Krieges hat es die NATO mit einer Streubombe geschafft, die doppelte Zahl von Kosovo-Albanern zu töten wie in Racak. Von einem Massaker wird hier jedoch nicht gesprochen, denn es geschah ja "aus Versehen". Anmerkungen[1] L. Volmer, Die Entscheidung eines Pazifisten zum Luftangriff, Berliner Zeitung, 29.03.1999. Im folgenden werden folgende Abkürzungen verwendet: BZ (Berliner Zeitung), NZZ (Neue Zürcher Zeitung), WP (Washington Post), NYT (New York Times). [2] J. Perlez, Defiant Yugoslav Orders Expulsion of U.S. Diplomat, NYT, 19.1.99; B. Gellman, The Path to Crisis: How the United States and Its Allies Went to War, WP, Sunday, 18.4.99. [3] G. Hofman, Wie Deutschland in den Krieg geriet, Die Zeit, 12.5.99. [4] E. Shogren, American Kosovo Monitor Changes His Image, Los Angeles Times, 14.4.99. [5] Eine ausführlichere Dokumentation des Autors erscheint als IANUS-Arbeitsbericht. [6] Human Rights Watch, Yugoslav Government War Crimes in Racak, http://www.hrw.org/hrw/press/1999/jan/yugo0129.htm. [7] Vgl. den in Auszügen veröffentlichten Bericht der OSZE: J. Perlez, Monitors Call Kosovo Massacre an Act of Revenge by Serbs, NYT, 22.1.99. [8] B. Gvozdenovic, "No Massacre in Racak" Belarus Forensic Expert Says Dr Kuzmicov: "There Were No Shots in the Head, No Torture, No Massacre", Politika, 22.3.99. [9] Bericht der Leiterin des forensischen Expertenteams der Europäischen Union, Frau Dr. Helana Ranta, Gerichtsmedizinisches Institut der Universität Helsinki, zu den Vorfällen von Racak im Januar 1999, Auswärtiges Amt, 17.3.99. [10] D. North, Irony at Racak: Tainted U.S. Diplomat Condemns Massacre, The Consortium, 26.1.99, http://www.consortiumnews.com/c012699a.html. [11] Final Report of the Independent Counsel for Iran/Contra Matters, Volume I: Investigations and Prosecutions, L.E. Walsh, August 4, 1993, Washington, D.C., US Court of Appeals for the District of Columbia Circuit; http://www.fas.org/irp/offdocs/walsh. [12] G. Gugliotta, Douglas Farah, 12 Years of Tortured Truth on El Salvador, WP, 21.3.93. [13] L. Hockstader, U.S. Accused of Impugning Salvadoran - Bishop Says Witness Tormented in Miami, WP 11.12.89. Behauptungen in linksstehenden Zeitungen, wonach Walker selbst als "stiller Teilnehmer" bei dem Massaker anwesend gewesen sein soll, konnten bislang nicht überprüft werden. Siehe etwa G. Wilson, Warhawk behind U.S. Kosovo policy - Amb. Walker covered up real massacres in El Salvador, Workers World, 28.1.99, http://www.workers.org; K. Hartmann, "Massaker von Racak" - Durchsichtige Manipulation, bestellte Provokation, DKP Hamburg, http://mitglied.tripod.de/dkp_hamburg/racak.htm. [14] E. Ray, B. Schaap, NATO and Beyond, Covert Action, No.66, Spring 1999. [15] R.J. Smith, This time, Walker wasn't speechless. Memory of El Salvador spurred criticism of Serbs, WP 23.1.99. *Dr. Jürgen Scheffran ist Wissenschaftlicher Assistent in der interdisziplinären Forschungsgruppe IANUS an der Technischen Universität Darmstadt. Dieser Beitrag erscheint in leicht gekürzter Form in der Zeitschrift "Wissenschaft und Frieden" 2/99. |
........
|
|
| [Download] |