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Was wird von Jugoslawien
nach den Bombenangriffen noch übrig bleiben?
Von der Redaktion
17. April 1999
aus dem Amerikanischen (13. April 1999)
Ein besonders gräßliches
Blutbad wurde von den NATO-Bomben vergangenen Montag Mittag angerichtet,
als Kampfflugzeuge mit ihren Raketen einen Personenzug trafen, der gerade
die Eisenbahnbrücke bei Grdelicka Klisura, 300 km südlich von Belgrad,
überquerte. Bis Redaktionsschluß wurden zehn Tote und 16 schwerverletzte
Passagiere aus den Trümmern geborgen.
Der Zug war auf dem
Weg von Belgrad nach Salonika, Griechenland, und unter den Toten und Verletzten
befanden sich ausländische Passagiere, darunter griechische Journalisten.
Ein Eisenbahnsprecher berichtete, man habe ein kleines Mädchen tot geborgen,
und einige der Leichen seien bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und verbrannt.
Der Zug hatte die Brücke
über den Fluß Juzna Morava noch nicht verlassen, als eine NATO-Rakete
seine Oberleitung zerriß. "Das Flugzeug machte dann kehrt und beschoß
den Zug", sagte ein Pressesprecher der jugoslawischen Armee. Zwei
Personenwagen stürzten von der Brücke in den Fluß tief unten in die Schlucht.
Brent Sadler, ein Reporter des amerikanischen Senders CNN, beschrieb das
Blutbad in einem kurzen Vorortbericht als eine Szene von "blutigen
Trümmern".
"Zeigen Sie dies
Clinton", rief ihm ein Augenzeuge zu und wies auf verbrannte Kleider
und menschliche Überreste. "Wie wird die NATO das erklären? Oder
beschießen sie jetzt bloß noch zivile Objekte", sagte er mit bebender
Stimme.
Clintons Antwort kam
prompt ein paar Stunden später, als er auf einem Stützpunkt der US Air
Force in Louisiana sprach, von der aus B-52-Bomber sich an den Luftschlägen
gegen Jugoslawien beteiligt hatten. Clinton erklärte seinen Zuhörern,
mit den NATO-Luftschlägen zeige sich "Amerika von seiner besten Seite".
Unter stillschweigendem
Einverständnis der devoten Medien, die sich weigern, eine objektive Darstellung
der zivilen Opfer zu geben, zielen die Vereinigten Staaten auf Fabriken,
Wohngebiete, Schulen und ähnliche Einrichtungen in Serbien, Montenegro
und im Kosovo. Die massiven Luftschläge sollen die serbische Bevölkerung
einschüchtern und ihren Widerstandswillen brechen. Seit dem zweiten Weltkrieg
hat Europa nichts gesehen, was diesem NATO-Luftkrieg gleichkommt.
Je länger die Bombenangriffe
fortgesetzt werden, desto häufiger werden zivile Ziele angegriffen, und
desto höher ist die Zahl der zivilen Opfer. Es ist unmöglich, den Aussagen
der US- und NATO-Sprecher noch länger zu glauben, daß dies bloße Unglücksfälle
seien. In den ersten Tagen des Kriegs haben Washington und seine europäischen
Verbündeten zwar darauf verzichtet, zivile Ziele anzugreifen, weil sie
die öffentliche Meinung im Westen fürchteten. Aber als die Medienkampagne
zur Verteufelung der Serben zu greifen begann, fühlten sie sich von dieser
Zurückhaltung befreit und verstärkten ihre Versuche, die Bevölkerung zu
terrorisieren.
Der Personenzug war
nur ein Beispiel in einer langen Liste industrieller und ziviler Ziele,
die in den vergangenen Tagen von NATO-Bombern getroffen worden sind:
- Der
Industriekomplex Zastawa in Kragujevac, die traditionsreiche Autofabrik
100 km südwestlich von Belgrad, die den Yugo herstellt, wurde in den
letzten vier Tagen bereits zum zweitenmal beschossen. Vergangene Woche
hatten NATO-Jets die Fabrik angegriffen, obwohl sich dort Arbeiter als
lebende Schutzschilder aufhielten. 124 Personen wurden verletzt. Der
Angriff vom Montag verletzte weitere 36 Arbeiter. Durch die Zerstörung
des Industriekomplexes haben 38.000 Menschen Arbeitsplatz und Existenz
verloren.
- NATO-Kampfflugzeuge
bombardierten einen Industriekomplex in der zentralserbischen Stadt
Krusevac, wo sie das Heizkraftwerk der Stadt und die Fabrik14.Oktober,
einen führenden Baumaschinenhersteller auf dem Balkan, dem Erdboden
gleichmachten. Durch die Zerstörung dieser nur etwa einen Kilometer
vom Stadtzentrum entfernten Anlagen wurden 6.000 Arbeiter arbeitslos
und eine unbekannte Zahl von Zivilpersonen verletzt.
- In
der Industriestadt Pancevo, die gegenüber von Belgrad am andern Donauufer
liegt, zerstörten NATO-Bomber eine der größten jugoslawischen Ölraffinerien.
- Eine
NATO-Rakete schlug in einem Wohngebiet von Novi Sad, der zweitgrößten
Stadt Serbiens ein. Zwei der drei Donaubrücken dieser Stadt wurden in
den ersten zwei Wochen des Luftkriegs zerstört.
- Zwölf
Zivilpersonen starben durch eine Bombe, die letzten Donnerstag nacht
im Stadtzentrum von Cuprija einschlug und 400 Familien obdachlos machte.
- Über
zwanzig zivile Gebäude wurden beschädigt, als am frühen Sonntagmorgen
NATO-Raketen in das Dorf Turekovac, westlich von Leskovac, einschlugen.
- NATO-Kampfflugzeuge
bombardierten Samstag Nacht zivile Ziele in der Umgebung von Kraljevo
in Zentralserbien. Die Dorfschule in Bogutovac wurde von sechs Raketen
getroffen und vollkommen zerstört. Außerdem beschädigten NATO-Bomben
Schulen in den Dörfern Raska, Lacevci, Tavnik und Lozno.
- Über
fünfzig Cruise Missiles schlugen Samstag Nacht in Pristina, der Hauptstadt
des Kosovo ein. Der Flugplatz von Shatina vor den Toren der Stadt stand
am Sonntag erneut unter Angriff. Die Gegend im Südosten der Haupstadt
wurde ebenfalls angegriffen, und Splitterbomben zerstörten die Gemeinde
Lipljani im südlichen Kosovo.
- Ein
dreijähriges Mädchen und zwei weitere Personen wurden Samstag Nacht
durch eine Bombe getötet, die in das Dorf Mirovac in Nord-Kosovo einschlug.
Im ganzen wurden zehn Raketen auf dieses Gebiet abgefeuert.
- Zwei
weitere Radiostationen wurden am Wochenende von Cruise Missiles getroffen.
Seit Beginn des Luftkriegs
am 24. März sollen durch NATO-Angriffe 300 Zivilpersonen getötet und 3.000
verwundet worden sein. Aber diese Zahlen werden zwangsläufig in dem Maße
in die Höhe schießen, in dem die NATO ihre Angriffe auf Städte und Industrieanlagen
verstärkt. Im NBC-Programm Meet the Press erklärte der NATO-Oberkommandierende
Wesley Clark am Sonntag, die massiven Luftangriffe mit 700 Flugzeugen
lägen im Plan und würden intensiviert.
In den letzten Tagen
hat das Pentagon die Entsendung weiterer 82 Flugzeuge nach Europa angekündigt,
und Großbritannien hat seinen Flugzeugträger HMS Invincible zur
Unterstützung der USS Theodore Roosevelt in die Adria entsandt.
Die wirtschaftliche,
soziale und ökologische Katastrophe, die durch den Krieg der NATO ausgelöst
worden ist, wurde auf einer Pressekonferenz des Ad-hoc-Komitees zur
Beendigung der Beteiligung Kanadas am Krieg in Jugoslawien am Montag
in Ottawa aufgezeigt. Der Wirtschaftsprofessor Michel Chossudovsky an
der Universität von Ottawa faßte die Auswirkungen der Bombardierung zusammen.
Unter Berufung auf jugoslawische
Quellen erklärte er, die NATO habe bisher beinahe 3.000 Angriffe geflogen;
200 allein in einer Nacht. Tausende Tonnen Sprengstoff seien abgeworfen
und 450 Cruise Missiles abgeschossen worden.
"Die Bomben richten
sich nicht nur gegen Industrieanlagen, Flugplätze, Elektrizitätswerke
und Telekomunikationsanlagen, Eisenbahnen, Brücken und Treibstoffdepots",
erklärte er, "sie richten sich auch gegen Schulen, Krankenhäuser,
Regierungsgebäude, Kirchen, Museen, Klöster und historische Stätten."
Zu den Auswirkungen
des Luftkriegs auf die jugoslawischen Arbeiter berichtete Chossudovsky:
"Mehrere Tausend Fabriken wurden zerstört oder beschädigt, was die
Produktion von Konsumgütern lahmgelegt hat. Jugoslawischen Quellen zufolge
haben durch die völlige Zerstörung der Betriebsstätten im ganzen Land
500.000 Arbeiter ihre Arbeitsplätze verloren und zwei Millionen Bürger
ihr Einkommen und dadurch die Möglichkeit, ihren minimalsten Lebensbedarf
zu decken. Nach westlichen Schätzungen beläuft sich die Zerstörung von
Eigentum in Jugoslawien auf Schäden von mehr als zehn Milliarden US-Dollar."
In der Presseerklärung
heißt es, die NATO-Luftschläge richteten sich gegen kleine Dörfer und
große Städte; weiter wird angedeutet, daß jugoslawische Vertreter das
Ausmaß der zivilen Opfer absichtlich untertrieben.
Die NATO-Bomben hätten
auch an Krankenhäusern starke Schäden angerichtet. Dreizehn der größten
Krankenhäuser des Landes seien entweder teilweise oder ganz zerstört worden.
Auch Schulen wurden nicht verschont. Mehr als 150 wurden beschädigt oder
zerstört, 800.000 Schüler können nicht mehr unterrichtet werden.
Der von den USA angeführte
Luftkrieg zielt auch gegen historische und kulturelle Denkmäler. Getroffen
wurden das auf das 14. Jahrhundert zurückgehende Kloster Gracanica, das
Patriarchat von Pec (13. Jahrh.), das Kloster Rakovica und die Festung
Petrovarardin, alles Weltkulturgüter der UNESCO.
Chossudovsky malte ein
düsteres Bild der von den USA und der NATO angerichteten kurzfristigen
und langfristigen Umweltzerstörung: "Erdölraffinerien und Lager mit
flüssigen Rohmaterialien wurden getroffen, was die Vergiftung der Umwelt
zur Folge hatte. Dadurch wurde die Zivilbevölkerung massiv giftigen Gasen
ausgesetzt."
Er zitierte den serbischen
Umweltminister Branislaw Blazic: "Die Aggressoren haben gelogen,
als sie sagten, sie würden nur militärische Ziele treffen und internationale
Konventionen einhalten; sie setzen illegale Waffen wie Splitterbomben
ein, greifen zivile Ziele an und lösen eine Umweltkatastrophe aus."
Ein Bericht des NBC-Fernsehens bestätigte, daß die NATO Galenica, die
größte Arzneimittelfabrik Jugoslawiens in einem Außenbezirk Belgrads,
bombardiert hat. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Gasmasken zu tragen,
um sich vor gefährlichen Emissionen zu schützen. Aber kein Mensch besitzt
solche Gasmasken.
Neben der Vergiftung
der Luft droht der Zivilbevölkerung auch eine Knappheit an sauberem Trinkwasser.
Besonders in Belgrad ist die Wasserversorgung durch die Bombardierung
des Wasserwerks von Zarkovo bedroht.
Angesichts der Brutalität
der Luftschläge der USA und der NATO und ihrer systematischen Angriffe
auf die jugoslawische Industrie sollte man sich daran erinnern, daß der
US-Militarismus in Ländern, die aus dem Zusammenbruch des Stalinismus
in Osteuropa und dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion hervorgegangen
sind, eine Politik der Entindustrialisierung verfolgt hat.
Es war das bewußte Ziel
der amerikanischen Politik, große Teile der Industrie dieser Länder stillzulegen,
um "überschüssige Kapazität" abzubauen und die Interessen amerikanischer
transnationaler Konzerne zu fördern. Ähnliche Überlegungen spielen bei
der Militärstrategie der USA in Jugoslawien ebenfalls keine unbedeutende
Rolle.
Auf die schlimmsten
Fälle von "Kollateralschäden", die bekannt werden, reagieren
die Verantwortlichen mit routinemäßigen Worten des Bedauerns und der Versicherung,
die Bombardierungen seien darauf angelegt, der Bevölkerung den geringstmöglichen
Schaden zuzufügen. Aber je mehr Tod und Zerstörung zunehmen, desto klarer
wird, daß das Ziel des Bombenkriegs der USA und der NATO in einer Schwächung
der industriellen und sozialen Infrastruktur des Landes besteht.
Wie das tragische Beispiel
des Irak zeigt, wird das Ausmaß der Zerstörung erst nach dem Ende des
Kriegs wirklich sichtbar werden. In den Jahren nach dem Golfkrieg starben
als Folge der Militärangriffe und der wirtschaftlichen Sanktionen etwa
eine Million irakische Kinder. Wie viele hunderttausend Jugoslawen werden
nach diesem Krieg, der die wirtschaftliche Basis des Landes weitgehend
zerstört, zu Grunde gehen?
Die Ausbrüche von Mord
und Gewalt auf dem Balkan in den letzten zehn Jahren müssen im Zusammenhang
mit einer Wirtschaftspolitik gesehen werden, welche Jugoslawien von den
Westmächten und dem IWF in den siebziger und achtziger Jahren aufgezwungen
wurde. Ende der achtziger Jahre hatte diese Politik die Wirtschaftsstruktur,
die es den jugoslawischen Völkern nach dem zweiten Weltkrieg dreißig Jahre
lang ermöglicht hatte, in Frieden zusammen zu leben, ernsthaft unterhöhlt.
Die soziale Krise - steigende Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard
- bot den kapitalistischen Mächten, allen voran den Vereinigten Staaten,
die Möglichkeit, ethnische Feindseligkeiten anzustacheln und sie im Sinne
amerikanischer oder europäischer Interessen in dieser Region auszunützen.
So schrecklich der Bürgerkrieg
auf Balkan auch ist - noch weit schrecklicher ist die bewußte Zerstörung
ganz Jugoslawiens, die im Interesse geopolitischer und wirtschaftlicher
Ziele vonstatten geht, die vor der amerikanischen und europäischen Bevölkerung
geheim gehalten werden. Alle Regierungen, die an diesem kriminellen Unternehmen
beteiligt sind, werden sich dem Urteil der Geschichte stellen müssen.
In: World socialist
web
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