Balkan vor Öko-Katastrophe

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ARD-Sendung:

MONITOR Nr. 450 vom 20.05.99

Bomben auf Chemiefabriken: Balkan vor Öko-Katastrophe

Klaus Bednarz: "Krieg in Jugoslawien, das bedeutet nicht nur Tote und Verwundete, zerstörte Industrieanlagen, Straßen, Brücken, Wohnhäuser, sondern auch eine gigantische Umweltkatastrophe. Von NATO-Bomben in Brand geschossene Öl-Raffinerien und Chemiefabriken verseuchen die Luft, das Wasser, den Boden. Ganze Landstriche auf dem Balkan werden demnächst unbewohnbar sein. Und zwar nicht nur in Jugoslawien, sondern auch - so ist zu befürchten - in den Nachbarländern Griechenland und Bulgarien. Ein Bericht von Johannes Höflich und Michaela May."

>>Nachts um drei kamen die NATO-Bomber - auch fünf Stunden später haben die Feuerwehrleute das Flammeninferno in der Ölraffinerie in Pancevo noch nicht unter Kontrolle. Seit Wochen wird die Industrie in Jugoslawien systematisch in Schutt und Asche gelegt. Chemische und pharmazeutische Anlagen sind die Angriffsziele, Düngemittel- und Pflanzenschutzfabriken. Über 50 Industriekomplexe sind mittlerweile komplett zerstört. Wie schlimm die Gefahren für die Menschen sind, darüber gibt es von serbischen Stellen keine Informationen. Schwarze Rauchwolken liegen über Belgrad. Hier ist auch das Büro des Regional Environmental Center. Das unabhängige Umweltinstitut wird unter anderem von der EU finanziert - die Biologin Dragana Tar arbeitet an einem ersten Überblick über die Ökokatastrophe.

Dragana Tar, Biologin: "Praktisch waren durch die Brände die Schadstoffe tagelang in der Luft. Und das in Mengen, die - nach ersten Recherchen - die erlaubten Werte bis zum 7.000fachen überschritten haben. Es sind vor allem Stoffe, die Krebs, Leber- und Lungenschäden bei den Menschen dort verursachen können.“

>>Eine große Gefahr, vor allem für die Menschen, die in der Nähe der Zerstörung leben. Der Ruß legt sich auf die Felder, vernichtet die Ernte. Versorgungsengpässe werden schon jetzt befürchtet. Dem beißenden und giftigen Qualm sind die Menschen schutzlos ausgeliefert. Gleichzeitig wird das Wasser durch auslaufendes Öl verschmutzt - dieser Tank bei Novi Sad brannte 15 Tage lang. Die Donau und die anderen Flüsse im weiten Umkreis - verseucht. Immer öfter werden an den Ufern tote Fische angeschwemmt.

Dragana Tar, Biologin: "Vor allem das Öl hat dramatische Konsequenzen für die Donau. Es dauert lange, bis es abgebaut ist. Groß ist auch die Gefahr für das Grundwasser: Es ist zu über 90 % in dieser Region bedroht, weil es sich nicht selbst reinigen kann. Fischfang ist ohnehin schon längst aus Gesundheitsgründen verboten worden.“

>>Noch gibt es keine genauen Meßdaten, es fehle an Ausstattung und technischen Geräten, heißt es von serbischer Seite. Aber Umweltschäden machen vor Grenzen nicht halt - wir fahren deshalb nach Griechenland. Hier wurden die ersten wissenschaftlichen Luftmessungen nach Kriegsbeginn gemacht - mit alarmierenden Ergebnissen, wie Professor Spyridon-Rapsomanikis betont. Der Umweltchemiker, der unter anderem sieben Jahre an einem deutschen Max-Planck-Institut gearbeitet hat, fand selbst in Nordgriechenland noch stark erhöhte Luftschadstoffwerte.

Professor Spyridon-Rapsomanikis, Umweltchemiker: "Wir fanden heraus, daß in der Atmosphäre jetzt verstärkt Dioxine, Furane, PCB und andere Schadstoffe sind. Deshalb sind wir überzeugt, daß nahe Pristina und nahe Belgrad Plastikfabriken brennen und die toxischen Gase durch die Luft zu uns nach Griechenland gelangt sind."

Reporter: "Haben Sie das wirklich in Griechenland gemessen?"

Professor Spyridon-Rapsomanikis, Umweltchemiker: "Ja, nach unseren Messungen sind die Werte 15 mal so hoch wie normal.“

>>15fach erhöhte Werte, das bedeutet für Griechenland schon jetzt eine gefährliche Belastung der Umwelt. Die Giftstoffe lagern sich in Pflanzen ab und gelangen über die Nahrungskette zum Menschen. Aus ihren Meßergebnissen in Griechenland können Professor Rapsomanikis und seine Mitarbeiter aber auch Rückschlüsse ziehen auf die Situation in Jugoslawien, also im Kriegsgebiet selbst. Wie dramatisch muß erst recht die Lage dort sein?

Prof. Spyridon-Rapsomanikis, Umweltchemiker: "Die Verseuchung durch die Explosionen und die Zerstörung der Fabriken ist enorm: Ich bin überzeugt davon, daß sehr weite Gebiete um diese Anlagen herum nicht mehr bewohnbar sein werden, weil sie vergiftet sind. Jugoslawien ist durch giftige Chemikalien weiträumig verseucht worden."

>>Mit jedem weiteren Kriegstag kann sich die Situation auch in Griechenland verschlimmern, fürchtet der Professor. Deshalb wird die Schadstoffbelastung der Luft rund um die Uhr mit Messungen überwacht. Erste Schadensmeldungen gibt es aber auch schon aus Bulgarien. Während unserer Dreharbeiten dort wird eine jugoslawische Raffinerie direkt an der Grenze bombardiert. Die Rauchschwaden ziehen über das Land, direkt in diese bulgarische Kleinstadt. Die Menschen in Bregovo trauen sich auch Tage später kaum noch auf die Straße. Die ersten klagen bereits über Schmerzen.

Dorfbewohner von Bregovo: "Ich einer der Betroffenen. Auf einmal ging es los mit den Schmerzen: Und an dieser Stelle tut mir der Kopf weh, und bis zum Abend habe ich oft das Gefühl, als wenn mir der Kopf platzt. Wir haben Angst hier - alle haben wir Angst.“

Dorfbewohner von Bregovo: "Wir haben Angst um unsere Gärten, um uns - aber vor allem um unsere Kinder. Die Bomben fallen doch in unmittelbarer Nähe hinter der Grenze - wir haben die Flugzeuge gesehen, und dann kam die Wolke wie ein riesiger Pilz zu uns herüber."

>>Wenige Kilometer weiter fließt die Donau von Jugoslawien aus nach Bulgarien hinüber. 13 große Ölteppiche sind hier in den letzten Wochen schon angetrieben worden. Der Physiker Ivailo Chifligarski versucht in seiner mobilen Meßstation, wenigstens den Überblick über die Lage zu behalten. Er ist im Auftrag des bulgarischen Umweltministeriums unterwegs. Den Umweltschäden stehen die Bulgaren machtlos gegenüber.

Ivailo Chifligarski, Umweltministerium Bulgarien: "Wir haben hier ständig Ölteppiche auf der Donau, seit Beginn der Bombardierungen bis heute. Sie haben unterschiedliche Größen und enthalten die verschiedensten Schadstoffe - das Öl verschmutzt hier die ganze Landschaft."

>>Unkalkulierbar ist das Risiko für die bulgarischen Atomanlagen – ihr Kühlwasser kommt nämlich direkt aus der Donau. Kaum auszumalen, was passiert, wenn es ölverdreckt ist.

Ralitsa Panayotova, Bulgarische Umweltbewegung: "Ich war letzte Woche noch im Atomkraftwerk. Als wir in der Pumpstation waren, sah ich dort Ölklumpen herumschwimmen. Es ist sehr gefährlich, wenn das Öl in die Pumpen kommt. Dadurch kann das ganze Kühlsystem des Reaktors zusammenbrechen."

>>Auch das gehört im grenznahen Gebiet schon zum Alltag: Jets fliegen direkt über das Atomkraftwerk. Die Schäfer hier sehen auch regelmäßig NATO-Jets und das, obwohl es hier eine 30 Kilometer große Flugverbotszone gibt.

Bulg. Schäfer: "Wir haben Angst, daß auch bei uns eine Rakete herunterfällt, so wie in Sofia vor einigen Tagen. Täglich fliegen hier mindestens 30 Flugzeuge. Die fliegen direkt über das Atomkraftwerk, und dann biegen sie ab."

Ralitsa Panayotova, Bulgarische Umweltbewegung: "Vor zwei Tagen ist hier, nur 60 Kilometer, nur ein paar Flugminuten entfernt, eine Rakete eingeschlagen. Niemand kann uns garantieren, daß die nächste Rakete nicht auf das Atomkraftwerk fällt."

>>Reste dieser Rakete sind an der Einschlagstelle noch zu finden – nur eines von fünf Geschossen, die irrtümlich in Bulgarien einschlugen. Deshalb nimmt hier die Angst vor einer nuklearen Katastrophe ständig zu. Und die NATO-Jets? Sie fliegen weiter.

Klaus Bednarz: "Nach der Definition des Völkerrechts ist das, was die NATO zur Zeit in Jugoslawien tut, auch ein Umweltkrieg. Doch was ist schon Völkerrecht - "juristischer Formelkram", wie Kriegsminister Scharping einmal sinngemäß erklärt hat."

Ivailo Chifligarski, Umweltministerium Bulgarien: "Wir haben hier ständig Ölteppiche auf der Donau, seit Beginn der Bombardierungen bis heute. Sie haben unterschiedliche Größen und enthalten die verschiedensten Schadstoffe - das Öl verschmutzt hier die ganze Landschaft."

>>Unkalkulierbar ist das Risiko für die bulgarischen Atomanlagen – ihr Kühlwasser kommt nämlich direkt aus der Donau. Kaum auszumalen, was passiert, wenn es ölverdreckt ist.

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